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Wie nennt man diese Strohschnecken denn korrekt?

20. Oktober 2011

Man mag gar nicht mehr ins Schauspielhaus gehen. Nicht, weil das, was man dort zu sehen bekommt, so schlecht ist, wie behauptet wird (in Wahrheit ist es überhaupt nicht so schlecht), sondern weil man nicht mehr in der Lage ist, eine Meinung über das Gesehene zu formulieren. Es kommt nicht von ungefähr, dass ich nichts geschrieben habe über die letzte dort gesehene Premiere, Stephan Kimmigs „Fall der Götter“: Weil ich nicht schreiben konnte, dass die Inszenierung an allen Ecken und Enden auseinander fiel. Und dass das eigentlich aufheben würde, was mich an Kimmig immer ein wenig ärgerte, dass nämlich all seine Inszenierungen so perfekt funktionieren, so rund sind. Andere waren weniger skrupulös, Till Briegleb schrieb in der Süddeutschen Zeitung (leider nicht online) von einem Theater auf FDP-Niveau, von einem Theater, das für die Szene gerade noch eine Relevanz von 1,8 Prozent habe (fiese aber tolle Formulierung, für so einen Einfall würde man als Journalist töten). Nathalie Fingerhut dagegen schrieb im Hamburger Feuilleton weniger polemisch aber ebenfalls nicht unkritisch, dass Kim­migs Kon­zept ehr­gei­zig sei, „und er scheint sich damit über­ho­ben zu haben.“ Während Stefan Grund in der Welt eine Inszenierung lobte, die erschütternd ideologische Sattheit angreife, und, wer weiß, womöglich war das die bösartigste Kritik von allen. Weil man nicht mehr glauben kann, dass sie als Lob entstanden ist, weil man nur noch überhebliches Mitleid liest, Mitleid mit einem Theater, das von Tag zu Tag mehr den Bach runter gehen zu scheint. Nein, man mag nicht mehr ins Schauspielhaus gehen.

Alice Buddeberg sagt im Hamburger Abendblatt (vollständiger Artikel springertypisch nach Paywall) einen Tag vor der Premiere von Tschechows „Möwe“: „Die Reihe von Misserfolgen hat das eigentlich sehr gute Ensemble ein wenig hölzern gemacht. Man muss die Angst brechen.“ Das ist heftig. Buddeberg, hochgelobte 29-jährige Nachwuchsregisseurin mit einigen Erfolgen an Theatern wie Frankfurt aber ohne jede Erfahrung auf der Riesenbühne, geht in die Vollen, weiß um die Probleme des Schauspielhauses und spricht sie an, bevor das gleiche Wissen sich über die Inszenierung legt. Angriff, von Anfang an.
Buddeberg macht aus der Not eine Tugend: Das Schauspielhaus ist in einer Krise? Also gehen wir offensiv mit der Krise um. Der Schnürboden wird renoviert? Machen wir das Beste draus: Das Ensemble spielt direkt an der Rampe, und damit sich niemand nach hinten verirrt, lassen wir Bühnenbildnerin Cora Saller eine Wand aufstellen, die sich nur am Schluss öffnen darf, als Knalleffekt, für den wir keine ausgefeilte Technik brauchen. Schade nur, dass Saller diese Wand aus Strohballen schichtet (Nein, keine Ballen, solche Strohschnecken, wie sie im Herbst auf den Feldern rumstehen, wie nennt man die denn korrekt? Kaventsmänner?), das sorgt dafür, dass Tschechows Figuren hier zu Dorfdeppen werden. Und dann erinnert man sich eben doch daran, dass Stefan Pucher vor zehn Jahren das gleiche Stück am gleichen Ort inszenierte, voll collem Ennui des Jahrtausendwendekünstlers, und wenn man sich daran erinnert, dann merkt man, dass Puchers Interpretation vielleicht doch ein wenig weiter reichte als die allzu nahliegende Interpretation Buddebergs.
Aber diese Erinnerung überdeckt eben auch: dass Buddebergs Inszenierung im Großen und Ganzen funktioniert. Dass die junge Regisseurin es schafft, eine irgendwie doch zeitgemäße Sicht auf dieses Stück zu entwickeln, indem sie das Scheitern der Tschechow-Figuren mit dem erwarteten Scheitern dieser Inszenierung kurzschließt, denn, mal ehrlich, am Schauspielhaus kann man doch nur scheitern, nein? Außerdem bricht Buddeberg tatsächlich die Angst des Ensembles, sie besetzt die Außenseiterin Nina mit dem Gast Johanna Falckner, und Falckner schafft es, aus viel zu häufig gesehenen Schauspielern wie Markus John oder Ute Hannig (ernsthafte Kritik: Warum müssen eigentlich vier, fünf Schauspieler in praktisch jeder Inszenierung tragende Rollen spielen, während der Rest des 26-köpfigen Ensembles nur sporadisch besetzt wird? Das schreit doch nach Verbrennen von Talent!) ungeahnte Facetten herauszukitzeln. Dazu kommt eine kluge Strichfassung (gerade mal 100 Minuten dauert diese „Möwe“), dazu kommt ein cooler, durchdachter Musikeinsatz (Stefan Paul Goetsch). Fertig ist die Laube, der Kirschgarten, eine alles in allem gelungene Arbeit.
Und schließlich leistet sich Buddeberg ein wenig Galgenhumor, zitiert sie Antú Romero Nunes‘ Erfolgsinszenierung „Merlin oder das wüste Land“ am benachbarten Thalia: Schaut es auch an, so muss Theater aussehen! Und das Publikum lacht, es applaudiert, verzweifelt. Eigentlich mag man nicht mehr ins Schauspielhaus gehen, aber diese Inszenierung, sie rührt doch etwas in einem an: weil diese „Möwe“ in erster Linie von besagtem Nichtmögen handelt.

2 Kommentare leave one →
  1. 22. Oktober 2011 11:38

    Die Dinger heißen übrigens „Rundballen“. :-)

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