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Und dann von Gelb zu Rot, und, ach!

6. November 2011

E. war eine Einserschülerin. „Sehr gut“ in Englisch, „sehr gut“ in Sport, „gut“ in Physik, ich bewunderte E., ich war auch ein wenig eifersüchtig auf E., der alles zuzufliegen schien, für die Ehrgeiz ein Naturzustand war und nichts, wozu sie sich zwingen musste. Irgendwann behauptete ich, E. sei eine Streberin: Nichts war gelogener als das. In Wahrheit war es einfach so, dass E. sich Ziele setzte und versuchte, diese Ziele zu erreichen. E.s Leben war grundverschieden von meinem, ich wollte nicht weiter kommen, ich wollte einfach durchkommen. Ich hatte keine Ziele, mein Leben war trial and error, wenn ich Glück hatte, funktionierten meine Pläne, wenn ich Pech hatte, musste ich etwas anderes ausprobieren. E.s Leben war eine Aufgabe, die gemeistert werden wollte, mein Leben war ein Spiel, ist es wahrscheinlich heute noch.
Vor ein paar Jahren begegnete ich E. noch einmal, irgendwie schien sie ihren Weg gemacht zu haben. E. war Gymnasiallehrerin geworden, lebte in der Großstadt, hatte einen netten Mann, hatte Familie. Ein gutes Leben. Und so weit weg von meinem Leben, weiter konnte man sich nicht entfernen. Hatte ich das Gefühl.

Jette Steckel ist, nein, keine Einserschülerin, zumindest weiß ich davon nichts. Jette Steckel ist nur die momentan wahrscheinlich talentierteste junge Theaterregisseurin des Landes, jemand, der jeden Stoff, jedes Stück irgendwie gefasst bekommt, einen atemberaubenden „Don Carlos“, einen Musical-„Woyzeck“ als Publikumshit, als erstes Stück, das ich überhaupt von ihr gesehen habe, 2006 Darja Stockers beeindruckendes, radikal körperliches „Nachtblind“. Von „Nachwuchs“ kann man bei Steckel nicht mehr sprechen, längst inszeniert sie regelmäßig am Deutschen Theater in Berlin, in Köln, München und Wien. Und immer noch am Hamburger Thalia, der Bühne, an der sie vor fünf Jahren angefangen hat. Fünf Jahre, in denen Jette Steckel keinen einzigen Flop hingelegt hat.
Jette Steckel ist die Tochter von Frank-Patrick Steckel, dem ehemaligen Bochumer Intendanten, darin unterscheidet sie sich von E., der nichts in die Wiege gelegt schien, die ihren Erfolg erkämpfen musste. Was nicht heißen soll, dass Jette Steckel ihre Karriere nur ihrem Vater zu verdanken hat, auf keinen Fall, Jette Steckel hat sich ebenfalls jeden ihrer Erfolge erarbeitet (aber vielleicht nicht unbedingt erkämpft). Kurz denke ich, Steckel sei eine Streberin, aber das stimmt nicht, so etwas denkt nur jemand, der sich gar nicht in eine Einserschülerin, Verzeihung: eine junge Erfolgsregisseurin hineindenken kann: Steckels Arbeiten entstehen im Bewusstsein der eigenen Qualität, aber sie umkreisen diese Qualität nicht verbissen, wie sie es bei einer Streberin tun würden. Steckel kann einfach sehr viel, und sie weiß auch, was sie kann, ganz einfach.

Und plötzlich wird es problematisch mit diesem Theater. Nämlich hier: wenn Steckel Camus‘ „Der Fremde“ in der Gaußstraße inszeniert, der Nebenspielstätte des Thalia, an der sie auch schon „Nachtblind“ machte. Steckel dampft das Stück ein auf die Gerichtsverhandlung gegen den Mörder Meursault, und Meursault teilt sie auf die wunderbaren Schauspieler Daniel Lommatzsch, Mirco Kreibich, Julian Greis und Franziska Hartmann auf, es lässt einem den Mund offen stehen, wie die von Szene zu Szene hüpfen, in Sekundenschnelle die Rollen wechseln (wo es doch eigentlich immer dieselbe Rolle ist), und dann wechselt das Licht, und die Drehbühne wird zum wüstenhaften Strandabschnitt, und dann von Gelb zu Rot, und, ach! Und dann spielen Radiohead. Moment: Radiohead?
Und jetzt stocke ich. Plötzlich passt das alles zu gut, all diese klugen Setzungen, diese Brüche. Plötzlich spielen Radiohead, und das ist dann der Tacken, der diese Inszenierung zu perfekt macht. Musik, die das, was auf der Drehbühne passiert, nein, nicht doppelt, sondern gleichzeitig bricht und verstärkt. Plötzlich glaube ich, zu kapieren, was Jette Steckel antreibt: Die will ja gar nichts. Die will nur alles ganz, ganz richtig machen.

Ich habe nie verstanden, was E. eigentlich wollte, mit ihrem Ehrgeiz. Ich glaube, das war das, was E. mir immer fremd bleiben ließ, „die Fremde“: E. wollte einfach nur die Beste sein. Hat sie geschafft, und ich gönne ihr das auch, es ist nur nicht meine Motivation. In keiner Weise.

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5 Kommentare leave one →
  1. 5. Dezember 2011 16:38

    radiohead war die wohl unpassendste musik, die zum fremden gewählt werden konnte – vielleicht war das ja als konzept gedacht, so als antagonismus: er, der völlig emotionslos-regungslos-entscheidungslose, dazu radiohead: emotion, dramatik, streicher, von allem zu viel – vielleicht hab ich’s aber auch nur nicht verstanden… sonst hat jette steckel eigentlich bei der musik in ihren stücken immer ziemlich tolle sachen entstehen lassen, wie bei den kleinbürgern im dt berlin, oder auch bei nachtblind (obwohl ich die strokes nicht mal besonders mag), aber vielleicht sollten theaterstücke auch einfach nicht wie videoclips inszeniert/rezipiert/rezensiert werden

    • 5. Dezember 2011 16:56

      Unpassend? Nein, fand ich gar nicht. Im Gegenteil: Radiohead passten mir an dieser Stelle viel zu gut, als Kontrast zur Handlung, als Bruch. Würde Steckel sich einmal trauen, etwas zu machen, das eben nicht passt, das wehtut, das die handwerkliche Qualität dieser Regisseurin schmerzhaft in Frage stellt, ich glaube, es würde mich freuen. (Das liegt vielleicht auch daran, dass ich Radiohead gar nicht so wahnsinnig emotional wahrnehme.)

      Aber dass Jette Steckel ein Händchen für Musikeinsatz hat: unbestritten.

      • 5. Dezember 2011 17:06

        „Würde Steckel sich einmal trauen, etwas zu machen, das eben nicht passt, das wehtut, das die handwerkliche Qualität dieser Regisseurin schmerzhaft in Frage stellt, ich glaube, es würde mich freuen.“ hast du calligula gesehen? mirko kreibich, der sich endlos zu ‚the end‘ von den doors durch den saal schleppt und schmeisst? die überzogenheit war garantiert beabsichtigt, aber in diesen 12 minuten hab ich wirklich gelitten!

      • 5. Dezember 2011 17:10

        „Caligula“ sah ich tatsächlich noch nicht. Aber ich glaube, es würde mir gefallen, auch wegen besagter zwölf Minuten, von denen alle, die die Inszenierung bisher sahen, mit ehrfürchtigem Schaudern erzählten …

  2. 6. Dezember 2011 09:22

    …läuft ja nicht mehr allzu häufig, aber am 29.12.2011 ist wieder eine vorstellung. ich seh mir stücke zwar gerne mehrfach an, aber caligula hat zu sehr an meinen nerven gezerrt…

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