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Das Licht in den Schweißtropfen auf der Stirn

9. November 2011


Also. Natürlich kaschieren die Promofotos ein wenig. Natürlich ist Patrick Wolf nicht so atemberaubend hübsch wie auf seinen Plattencovern. Patrick Wolf, 1983 in London geboren, hat ein Bäuchlein, er hat keine gute Haut, vor allem zeigt er ein wenig die Mopsigkeit des späten Morrissey (die Tatsache, dass meine Handykamera extrem unscharfe Bilder macht, kann in diesem Zusammenhang als gnädig interpretiert werden). Aber Patrick Wolf weiß ja, wie er aussieht. Und Patrick Wolf traut sich dennoch, sich immer wieder nach rechts zu wenden, sich direkt ins Scheinwerferlicht zu stellen, das Licht in den Schweißtropfen auf seiner Stirn spiegeln zu lassen, eitel, glücklich. Um dann den Scheinwerfer zu nehmen, ins Publikum zu leuchten, das gesamte uebel und gefährlich abzutasten, bis er dann eine Sekunde verweilt, erst kapiert man es gar nicht, und dann, wie vor den Kopf geschlagen: Der meint ja mich! Patrick Wolf schaut mich an, der Crooner, der Kitschsänger, er schaut und lächelt, er muss mich meinen! Und dann zieht der Scheinwerfer weiter.
Hinter all dem Camp, dem Tüll und der Schminke und den Konventionen der „Judy! Judy! Judy!“-Musicalbegeisterung, schafft es Patrick Wolf, einem kurz das Gefühl zu geben, der einzige Adressat seiner Songs zu sein, das ist nicht schlecht. Vor allem, weil mich diese Songs bei jedem Hören weniger berühren, ich meine, das ist Folk mit Elektro- und Indierock-Elementen. Folk plus Indierock, wenn man freundlich sein möchte, dann klingt das nach Bands wie New Model Army oder den Levellers, wenn man unfreundlich ist, dann betont man den hohen Streicheranteil der Songs und hört plötzlich ostdeutsche Mittelalterrockbands raus. Und nur die Erkenntnis des hohen Campfaktors von Wolfs Auftreten rettet ihn – weil nämlich auf dem Nordhausener Mittelaltermarkt die Heterosexualität gefeiert wird, offensiv schwules Auftreten ist da nicht so gern gesehen. Nur hilft dieses Gedankenkonstrukt gerade mal bei den alten Wolf-Arbeiten, „Lycanthropy“ (2003) oder „Wind in the Wires“ (2005), bei „The magic Position“ (2007) wird es schon schwierig, und beim aktuellen Werk „Lupercalia“ funktioniert es überhaupt nicht mehr. Denn Wolf integriert auf „Lupercalia“ vermehrt Soul-Elemente in seine Musik, ähnlich, wie es Anfang der Achtziger Dexy’s Midnight Runners und Anfang der Neunziger Bob Geldof versuchten. Und da rettet auch die offensive Homoerotik dieses Konzerts nicht, im Soulfolk hat man nicht grundsätzlich etwas gegen Schwule, der Bruch fehlt, und entsprechend gruselig klingen die Songs von „Lupercalia“ dann eben auch.
Wäre Wolf nicht solch ein wunderbarer Entertainer. (Er kann auch eine unausstehliche Zicke sein, hört man, egal, gestern im uebel & gefährlich war er reizend, ehrlich.) Er lässt das Publikum „Happy Birthday“ für seinen Verlobten singen, aber bitte auf Deutsch! (Und verzweifelt überlegt man zunächst, wie dieses Lied denn bitteschön auf Deutsch geht, bis einen die Woge des Publikums mitträgt, „Zum Geburtstag, lieber William, zu Geburtstag viel Glück!“) Er umarmt seine Violinistin, überhaupt, schön, wie liebevoll er mit seinen Mitmusikern umgeht, der hübschen Saxofonistin, dem schüchternen Bassisten, dem Rocktier am Schlagzeug und dem Buchhaltertypen an an der Elektronik. Er prostet dem Publikum zu und versteigt sich in eine ellenlange Ansage, ob man in Deutschland „Cheers!“ sagen könne, oder ob das Publikum das als „Tschüss!“ missverstehen würde, so lange, bis das Publikum geschlossen „Prost!“ brüllt. Er leistet sich Diventum, indem er sich ewig zur Zugabe bitten lässt, bis man dann kapiert, weswegen er so lange hinter der Bühne verschwunden blieb: Er hat das Kostüm gewechselt, er trägt jetzt ein Sakko, auf das ein ausgestopfter Falke drapiert ist, hübsch. Und dann spielt er das schlimme „The City“, ach, warum auch nicht.

Es ist ein wunderbarer Abend. „Wenn er die Geige spielt, dann schmelze ich dahin!“, seufzt S., wohl wissend, dass ihr Dahinschmelzen Wolf überhaupt nicht tangieren dürfte, und dann spielt er eben trotzdem Geige, zum Schmelzen. Und dann spielt er das Piano, und dann die Ukulele, alles in einem Song, weil er nämlich beweisen will, was für ein versierter Multiinstrumentalist ist, das ist ein wenig streberhaft, aber okay. Immerhin verzichtet er vollkommen auf den Gitarreneinsatz, der die vorherige Tour prägte und leider schwer konventionell machte. Und dann greift Wolf zur irischen Harfe, immer wieder, man hört sie kaum in diesem vollen Bandsound, und trotzdem, er streichelt das Instrument, er fetischisiert diese hübsche, kleine Harfe. Und am Ende wird einem klar, dass die Motivation Patrick Wolfs zur Musik nur eines ist: Liebe.

One Comment leave one →
  1. delor permalink
    19. November 2011 20:37

    doch merke: *Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos*.
    Traumhaftes Konzert!

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