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Ich spürte, dass Dünkel und Besserwissertum der linken Sache nicht unbedingt dienlich sein dürften

15. November 2011

Ich begegnete Sahra Wagenknecht Mitte der Neunziger. Die Gießener DKP hatte die Chefin der Kommunistischen Plattform in der PDS eingeladen, in ein Hinterzimmer der Kongresshalle, da dachte ich mir: Hörstes dir mal an, auch wenn du kein Parteimitglied bist. Zur Erklärung für die Spätgeborenen: Die DKP ist die Deutsche Kommunistische Partei, heute ein praktisch irrelevant gewordener Verein von Sozialisten, Kommunisten, Antikapitalisten, denen SPD wie Grüne zu kapitalfreundlich waren und die mittlerweile in großen Teilen zur Linken abgewandert sind. Damals, in der westdeutschen Provinz, sprach aber noch niemand von der Linken, und die DKP hatte durchaus eine gewisse Relevanz, war auch in einigen Kommunalparlamenten vertreten, hauptsächlich wegen ihrer Vernetzung in die Gewerkschaften hinein.
Entsprechend saßen an diesem Abend auch hauptsächlich: ältere Gewerkschafter, Biertrinker, ausschließlich Männer, meist vom Land, die nirgendwo dazu gehörten. Und mittendrin Sahra Wagenknecht, schlank und streng und Wasser trinkend. Einer der Männer meldete sich: „Liebe Genossin Sahra, ich bin ein nicht-leninistischer Sozialist, und ich habe folgendes Problem …“ Wagenknechts Lippen wurden schmal. „Dann gebe ich IHNEN folgenden Rat: Lesen SIE. Lesen SIE Lenin, seine Schrift ‚Was tun?‘ wird IHNEN weiter helfen.“ Gespräch beendet. Ich will Wagenknecht nichts vorwerfen, das Ambiente war wirklich sehr, sehr bieder, und eine gewisse Arroganz darf man sich als junger, kluger Politstar vielleicht auch leisten: Wagenknecht war damals Mitte, Ende Zwanzig, in diesem Alter lief ich ebenfalls noch gehörig überheblich durch die Gegend, womöglich mache ich das heute noch. Aber irgendwie spürte ich, dass diese jämmerlich hilflosen Männer eigentlich nichts Böses gemacht hatten, im Gegenteil, sie hatten ja immerhin Wagenknecht eingeladen, weil sie dachten, dass da jemand mit ihnen diskutieren würde, der auf ihrer Seite sei, eine Kommunistin. Und dass Dünkel und Besserwissertum der linken Sache nicht unbedingt dienlich sein dürften, das spürte ich auch.

Ich verfolgte Wagenknechts Karriere weiter, sie schien ja ihren Weg zu machen, auch wenn ich manchmal den Eindruck hatte, dass dieser Weg nirgendwo hinführte. Wagenknecht prägte die Kommunistische Plattform, zunächst in der PDS, dann in der Linken, wobei mir die Kommunistische Plattform immer mehr an den Rand gedrängt vorkam, unwichtig, eigentlich. Wagenknecht heiratete den westdeutschen Journalisten und Unternehmer Ralph T. Niemeyer, der sich selbst als „liberal“ bezeichnet. Wagenknecht sah sich in der DDR-Tradition religionsähnlicher Goethe-Verehrung (und ließ sich leider auch dazu hinreisen, damit ihre Abneigung gegen Regietheater zu begründen: Das nämlich verletze die Intention des Heiligtums Goethe). Wagenknecht ließ sich beim Hummer-Essen fotografieren und ging mit dem anschwellenden Kichern eher uncool um. Wagenknecht baute auf die Karten Weiblichkeit, Bildung und Schönheit, das gefiel mir noch nie, auch wenn ich nicht ahnen konnte, dass Weiblichkeit in der Politik über kurz oder lang von Püppchen wie Bettina Wulff, Kristina Schröder und Stephanie zu Guttenberg definiert werden würde.

Ich mag Sahra Wagenknecht nicht.

Einerseits. Andererseits bin ich natürlich der Meinung, dass es eine Alternative geben muss zum alternativlosen Pragmatismus, zur Gestaltungsmacht, die nur in einer Regierungsbeteiligung liegt, selbst wenn man dafür alle linken Ideale aufgeben muss. Ich finde es wichtig, dass es etwas gibt wie die kommunistische Plattform, einen Stachel im Fleisch des Parlaments, der sich eben nicht den Sachzwängen anpasst. Nur dass dieser Stachel ausgerechnet von Sahra Wagenknecht repräsentiert wird, das passt mir nicht, von Sahra Wagenknecht, bei der ich mich tatsächlich frage, ob sie wirklich eine Linke ist und nicht doch ein arrogante, durch und durch bourgeoise Schnalle.

Und ganz davon abgesehen, freue ich mich, dass Oskar Lafontaine eine neue Freundin gefunden hat. Jeder Topf findet irgendwann seinen Deckel, und Unsympathin zu Unsympath, doch, das passt.

(Foto: Nicole Teuber)

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3 Kommentare leave one →
  1. 16. November 2011 05:41

    „Jeder Topf findet irgendwann seinen Deckel, und Unsympathin zu Unsympath, doch, das passt.“ hihi! Danke Dir!

Trackbacks

  1. Zahnwart über Wagenknecht | MondoPrinte

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