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Fünf Minuten

19. November 2011

Man könnte jetzt erzählen, wie es war, gestern bei der Premiere von Herbert Fritschs „Raub der Sabinerinnen“ am Thalia Theater.
Man könnte erzählen, wie man diesem Stück überhaupt nichts abgewinnen konnte, einem Schwank, derb und laut, der seinen Reiz daraus zieht, die Grenzen zwischen dem Wohlgeordneten und dem Anderen, Ungezähmten erst leicht durchlässig zu machen, nur um sie dann umso strenger wieder hochzuziehen. Wie man solch einem Stück nichts abgewinnen konnte, aber dennoch den Hut ziehen musste vor dieser Inszenierung, dieser Inszenierung, die handwerklich perfekt war, alles ganz genau getimet, alles auf den Punkt, voller Freude am Spiel und Lust am lauten, hohen Ton.
Man könnte erzählen, dass es zwar eine allzu nahliegende Idee ist, den Satz „Ich höre meine Frau kommen!“ mit orgiastischem Stöhnen zu untermalen. Und dann, dass das egal ist, dass man nämlich Marina Galic noch nie so toll sah wie in dieser orgiastisch stöhnenden Rolle, Marianne, die es schafft, alle Sehnsucht auf ein wildes Leben an der Seite ihres (langweiligen) Mannes (Rafael Stachowiak) zu imaginieren, und zwar ohne die Gelegenheit zum Mienenspiel, weil nämlich die Maske Victoria Behrs alle Protagonisten zur starren Mimik zwingt. Und alle, ausnahmslos alle Darsteller meistern dieses Problem, großartig. Man könnte erzählen von einem Ensemble, in dem es keinen einzigen Ausfall gibt.
Man könnte erzählen, dass man sich erinnert, wie René Pollesch vor einigen Jahren Subversion und Politik im Boulevard entdeckte. Und dass man es ein wenig schade findet, wie Herbert Fritsch hier einen Schritt hinter Pollesch zurück geht, wie „Der Raub der Sabinerinnen“ nämlich kein Stück weit politisch ist und dass man diese Inszenierung auch nicht weiter denken kann, um irgendwo einen politischen Gehalt zu entdecken.
Man könnte erzählen, dass man es ein wenig doof fand und auch ein wenig langweilig, als Sebastian Zimmler als Papagei zum zehnten Mal gegen die Wand donnerte. Und dass man dann trotzdem wieder Tränen lachte, als er es auch noch ein elftes Mal machte, und ein zwölftes. Dass man sich irgendwann Sorgen machte um die körperliche Unversehrtheit dieses Ensembles, das zweieinhalb Stunden alles gab, seine Körper quälte, auf höchsten Touren, ohne Chance, auszubrechen.
Könnte man alles erzählen. Macht man ja auch, Rudolf Mast in der Nachtkritik, „das bereitet nicht nur ziemlich viel Spaß, sondern ist auch noch ziemlich wahr“ lobt er die Aufführung. Oder Werner Theurich, der auf SpOn mäkelt: „Eine halbe Stunde zu lang das Ganze. (…) Dennoch überbordender Beifall für alle Beteiligten, aber auch eine sanfte Erleichterung im Publikum, dass es nun mal gut war mit der Schmiere. Auch wenn’s noch so schön gekracht hat.“ Könnte man.

Man könnte sich aber auch auf das konzentrieren, was nach der Inszenierung kam. Man könnte sich auf den von Theurich erwähnten überbordenden Beifall konzentrieren, auf den Schlussapplaus, den Fritsch, das ist sein Markenzeichen, nicht nur wie üblich ordnet, sondern konsequent durchinszeniert. Fünf Minuten vielleicht, die viel über dieses Theater sagen, über dieses Theater, das gern mit Begriffen wie „wild“, „anarchisch“, „spielfreudig“ belegt wird. Der Applaus, das ist eigentlich der Moment, in dem die Schauspieler aus ihrer Rolle treten, die Maske abnehmen, das ist der Moment, in dem wir Karin Neuhäuser sehen und nicht mehr Theaterdirektorin Striese. Der Applaus, das ist der Moment, in dem wir eigentlich in Kontakt treten dürfen mit den Darstellern, das ist auch der Moment, in dem wir theoretisch unseren Unmut kundtun könnten: „Buh!“
Bei Fritsch können wir das nicht, weil die Darsteller hier in ihrer Rolle bleiben, über den letzten Vorhang hinaus. Bei Fritsch gibt es keine Kommunikationsmöglichkeit zwischen Publikum und Darstellern, weil die Darsteller gar nicht auftauchen: Auch während des Applauses bleibt Striese auf der Bühne, es läuft Musik, die Figuren tanzen, aber ob sich da jemand freut über dieses tosende Klatschen, das wissen wir nicht. Dieser durchinszenierte Applaus zeigt, dass das Theater des Herbert Fritsch in keiner Weise „wild“ oder „anarchisch“ ist, es ist im Gegenteil bis ins Letzte kontrolliert. Und auch irgendwo autoritär.
Und niemand sagt, dass das schlimm sein muss. Nur bedenken, das sollte man es.

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