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Mit einem Seitensprung macht man auch nichts anderes als im Beziehungsalltag

23. November 2011


Auch ich habe mich durchzuschlagen versucht, frei. Also, während des Studiums ohnehin, was man ja nicht wirklich frei nennen konnte, abends auf eine Vernissage schlappen, zwei, drei Fotos knipsen, dann ein paar Sätze fabulieren, am nächsten Morgen in die Redaktion bringen und dann ab zur Vorlesung – das ist ein Nebenjob, nicht mehr. Aber nach dem Abschluss versuchte ich es tatsächlich, in dem Sinne, dass ich davon leben wollte, freier Journalist zu sein. Finanziell war natürlich ein Witz, was da rüber kam, abgemildert nur durch die Tatsache, dass man ja nicht viel brauchte, in den späten Neunzigern in Berlin. Und: Es funktionierte, irgendwie, ich bekam meine Texte durchaus los. (Allerdings auch an Läden wie die inhaltlich geschätzte junge Welt, deren Zahlungsmoral, sagen wir mal: diskutabel war.)
Irgendwie funktionierte es, für mich war das trotzdem nichts. Ich wollte dazu gehören, und als freier Journalist ist man selbstständiger Unternehmer (ha!), gehört also naturgemäß nirgendwo dazu. Ich aber sehnte mich nach dem beruflichen Austausch mit Leuten, die ähnlich dachten wie ich, ich sehnte mich nach Redaktionskonferenzen, nach Weihnachtsfeiern, nach einem Büro, einer beruflichen E-Mail-Adresse, nach einem Schreibtisch. Dazu kam, dass „freier Journalist“ klingt, als ob man ungebunden sei, nur seiner Kunst verpflichtet – in Wahrheit macht man aber vor allem Akquise. Das heißt, man ruft Redakteure an und versucht, denen die Vorstellung schmackhaft zu machen, dass man bei ihnen etwas veröffentlicht. Man putzt Klinken. Und das macht man mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein, klar, nichts würde dem Blatt so gut zu Gesicht stehen wie ein Artikel von mir! (Leute, deren Grundcharakterzug der Selbstzweifel ist, sind für solch einen Job nicht geschaffen. Wirklich nicht.)
Mit anderen Worten: Ich bemühte mich um Volontariate, ich bemühte mich verzweifelt, in eine Redaktion reinzukommen, schließlich nahm ich tatsächlich ein Arbeitsangebot an, so grauenhaft und unpassend, man mag es gar nicht erzählen. Und landete über kurz oder lang wirklich im festen Hafen, erst als Volontär, dann als Redakteur. Und da bin ich jetzt.

Ach.

Ich mache das gerne, hier, beim uMag. Ich schreibe über Themen, die mich interessieren, über Theater und über Kunst also, ich lerne ständig interessante Menschen kennen, ich mag meinen Job. Fuck Freiheit, ich bin doch frei in der Redaktion, viel freier als zu Zeiten des Freelancertums, will sagen: Ich suche mir spannende Sujets aus, und zu denen arbeite ich dann. Ist gut, wirklich. Genau so habe ich es mir gewünscht, damals, als ich verzweifelt auf der Suche nach den offenen Armen einer Redaktion war.
Aber irgendetwas stimmt nicht. Das liegt nicht an den Arbeitsumständen, die könnten, wie gesagt, nicht besser sein. Es liegt vielleicht wirklich daran, fest angestellt zu sein. Womöglich tut das meinem Journalismus nicht immer gut, er wird satt, er wird selbstgefällig. Und dann sehe ich unsere Ex-Grafikerin I., die seit einiger Zeit frei arbeitet, ich sehe, wie I. aufblüht. Und dann sehe ich Isabel Bogdan, die frei arbeitet, in einer anderen Branche zwar, als Übersetzerin, aber ich sehe auch, was für wunderbare Kolumnen sie regelmäßig schreibt, so neben dem Job und leichthändig und voller Freude am kreativen Ausprobieren. Und dann stelle ich fest, dass mir hier etwas fehlt: Ausbrüche aus dem Beruf.
Ich bastle mir Fluchten. Eine Flucht ist das hier: die Bandschublade. Ein kleiner Kasten, in dem ich eigentlich gar nicht so viel anderes mache wie im Brotjob, andererseits: mit einem Seitensprung macht man ja auch nichts wirklich anderes als im Beziehungsalltag, oder? Eine andere Flucht sind kleine, manchmal sogar unentgeltliche Jobs, die ich nebenbei mache: Es hat mir Spaß gemacht, Publikumsgespräche auf Kampnagel zu moderieren, auch wenn das vielleicht keine Sternstunden der Dramaturgie waren. Es hat mir Spaß gemacht, einen Aufsatz für ein Buch des Fotografen Christian Reister zu schreiben, auch wenn das meine professionelle Distanz ziemlich angegriffen hat. Und es hat mir vor allem Spaß gemacht, all das auszuprobieren, obwohl ich weiter im sicheren Hafen der Festanstellung blieb, also nicht verzweifelt den Honraren hinterherrennen musste. Und irgendwie frage ich mich: Ob das das allerschlechteste Modell ist? Zweigleisig zu fahren?

2011 war ein Jahr der Abstürze für mich, ein Jahr des Steckenbleibens, alles in allem: kein gutes Jahr. 2012 könnte ein Jahr des Aufbruchs sein, ein Jahr der Versuche, ein, zwei Schritte auf unsicherem Terrain. 2012 könnte ich Sachen ausprobieren, hier einen Text in einem fremden Medium schreiben, hier eine Moderation versuchen, was könnte ich noch machen? Vielleicht mal etwas ganz anderes?
2012 könnte ich Ideen entwickeln.

9 Kommentare leave one →
  1. Ute permalink
    23. November 2011 22:24

    Und 2012 sollten wir beide mindestens mal einen Kaffee trinken gehen :) Ich war irgendwie gerade ganz gerührt von deinem Text!

  2. 24. November 2011 10:43

    Ich auch.
    Hey, ich übersetze seit zehn Jahren und mache immer noch hauptsächlich Chick Lit und Angrenzendes. Auch nicht immer toll.
    Das mit den Kolumnen, da hast Du recht, ist natürlich ein riesengroßes Glück und kam übers Bloggen: das war zumindest in meinem Fall wirklich ein guter Anfang zur äh, Diversifizierung meines Kompetenzportfolios. Bis man allerdings damit auch mal Geld verdient, nun ja. Geplanter nächster Schritt für 2012: fürs Schreiben bezahlt werden.
    Die Kolumnen sind deswegen so ein Glück, weil sie mich zwingen, mindestens alle zwei Wochen irgendwas Tolles zu machen. Und wenn’s nur Maniküre ist. Ich habe so viel gemacht in diesem Jahr – den Mach-doch-Muskel trainiert – und das ist so eine Art Gute-Laune-Perpetuum-Mobile. (Das Wort ist von Anke Gröner, wo der Kontext aber ein ganz anderer war.) Quasi gezwungen sein, etwas zu machen, was Spaß macht, das ist wirklich großartig.

    • 24. November 2011 11:00

      Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass ich unglücklich sei, mit dem, was ich mache, im Gegenteil. Das Bild mit dem Seitensprung finde ich jetzt, nachdem ich drüber geschlafen habe, immer besser: Wie wenn man in einer Beziehung glücklich ist und sich dennoch sehnt nach dem großen, unheimlichen Anderen.

      „Die Kolumnen sind deswegen so ein Glück, weil sie mich zwingen, mindestens alle zwei Wochen irgendwas Tolles zu machen.“ Ja, dieses Glück ist es wohl, was ich meine. Ein anderes Beispiel: Meike Winnemuths Weltreise. Die macht da Erfahrungen, die in mir eine unglaubliche Sehnsucht wecken. Erfahrungen, die ich gerade nicht mache – ein wenig fürchte ich mich davor, einzurosten, mich festzufahren in etwas, gegen das sich nichts sagen lässt, das in sich alles stimmig und funktionierend ist.

      Und, Ute: Ja, wir sollten unbedingt mal wieder einen Kaffee trinken gehen. Echt.

  3. 24. November 2011 13:07

    Ha, das könnte ja meine Geschichte sein. Ich interessiere mich mittlerweile zum Ausgleich für die Bienenzucht, um irgendwann meinem Onkel, der Imker war, nachzueifern. Sprich: Ganz was anderes machen. Wenn der Ort dafür da ist. Und vor allem die Zeit. Die liebe Zeit.

    • 24. November 2011 15:05

      Ich nehme an, solche Gedanken haben viele Angestellte, zumal wenn sie im kreativen Bereich arbeiten. Was mich gerade beschäftigt, ist, dass ich Leute sehe, die den (zeitweiligen) Ausbruch schaffen – Isabel Bogdan, Meike Winnemuth. Imkern ist ebenfalls eine gute Idee, nur leider habe ich panische Angst vor stechenden Insekten. Also: Für mich wäre das nichts, schade.

  4. 6. Dezember 2011 09:36

    …solche gedanken haben nicht nur angestellte aus dem kreativen bereich, sondern auch (oder vor allem?) angestellte aus, sagen wir mal freundlich, weniger kreativen, sondern eher broterwerbsjobs – nur das da das rauskommen, das ausbrechen, das zweigleisige (selbst als freelancer) alles andere als einfach ist, da viele (aus dem kreativen bereich) auf deinen lebenslauf sehen und sich fragen: was will so jemand hier? oder zumindest: wo sind die referenzen? oder dir sagen: ja, wärst du noch 20, aber so….

    • 6. Dezember 2011 10:00

      Ist das so? In meinem Umfeld sind die Leute aus den „Broterwerbsjobs“ (gegen die rein gar nichts zu sagen ist) meist diejenigen, die irgendwie mehr „mit sich im Reinen“ wirken. Mglicherweise liegt das daran, dass sich beim Broterwerbsjob die Grenze zwischen Job und Freizeit leichter ziehen lässt? Und man den Ausgleich so leichter organisieren kann? Oder liegt es daran, dass Kreativjobnasen einfach Spaß am Jammern haben?

  5. 7. Dezember 2011 16:33

    laut einer studie verlieren dinge, die wir eigentlich gerne tun, an positiver bedeutung, sobald wir sie tun sollen und dafür belohnt werden (academics – halbwissen). zufriedenheit (oder dem „mit sich im reinen“ wirken) ist wahrscheinlich immer nur einen schmalen schritt entfernt von abgeklärtheit, sich eingerichtet haben oder im schlimmeren fall desillusioniertheit. kommt wohl immer darauf an, ob man tun kann, was man will, oder tun muss, was man nicht tun will, oder ob das, was man tun wollte sich nicht mehr mit dem deckt, was man jetzt tut, oder man tut, was man tun wollte, fragt sich aber, ob es wirklich das war, was man tun wollte – oder will jetzt einfach etwas anderes tun.
    dem zitate.net fallen dazu viele kluge (und ein paar fragwürdige) sachen ein:
    „Es irrt der Mensch, solang er strebt.“ (Goehte)
    „Wenn man glücklich ist, soll man nicht noch glücklicher sein wollen.“ (Theodor Fontane)
    oder mein favorit:
    „Am Ziele deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen: dein Wandern zum Ziel.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)
    schön, nicht?

Trackbacks

  1. Umzug « Bandschublade

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