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„Haben Sie einen Clown gefrühstückt?“

4. Dezember 2011

Das ist alles überlagert, jetzt. Man kann sich diesen „Tatort: Das Dorf“ nicht mehr anschauen, ohne daran zu denken, was das für ein Film wäre, spielte nicht Ulrich Tukur die Hauptrolle, sondern Til Schweiger. Seit der NDR bekannt gab, dass Schweiger demnächst in der Krimireihe ermittelt, schaut man Tukur zu, wie er durch die hessische Provinz irrt, und fragt sich: Was würde Til Schweiger tun?

Das macht keinen Spaß mehr.

Wenn Schweiger als leichtverständlichster, massentauglichster Kommissar der Krimireihe angelegt sein dürfte, dann ist Tukurs Felix Murot der unzugänglichste. Nur selten zu sehen, „Das Dorf“ ist erst sein zweiter Fall nach dem schon recht speziellen „Wie einst Lilly“, und es ist … ein Querschläger. Das absolute Gegenteil dessen, was man sich von einem Fernsehkrimi erwartet, ein postmodernes Zitatspiel, eine Räuberpistole. Heinz Zimmermann stellt auf tatort-fundus.de klar:

Wer bei diesem TATORT die Realismus-Frage auch nur andenkt, hat schon verloren. Man muss sich völlig fallenlassen können in dieses einmalige Werk und Experimente auch mal zulassen, dann hat man für 90 Minuten größte Freude und kann den Blick nicht mehr vom Bildschirm wenden. Die Krimihandlung? Pfeif drauf!

Felix Murot hat einen Hirntumor, das wissen wir schon aus „Wie einst Lilly“. Dieser Tumor sorgt dafür, dass Murot haluziniert, und weil wir (bis auf wenige Ausnahmen) ausschließlich Murots Blick folgen, haluzinieren wir eben mit. Wir sehen ein Spukschloss, wir sehen Alice und Ellen Kessler einen Bossanova tanzen, wir sehen Tobias Langhoff als mörderischen Diener Dietrich eine formvollendete Kinski-Choreographie abliefern, wir sehen eine großartige Szene in der Leichenhalle, die die „Tatort“-Tradition der humoristischen Pathologenszenen zitiert, nur damit Murot den übertrieben kichrigen Pathologen (Sylvester Groth) barsch zurechtweisen kann: „Haben Sie einen Clown gefrühstückt?“ Was ja wohl die einzig angemessene Reaktion darauf ist, wenn jemand Witze macht, im Angesicht einer Leiche.
Ja.
Das Problem an „Das Dorf“ ist allerdings: Regisseur Justus von Dohnányi (den man vor allem als gern besetzten Psycho im Schauspielerfach kennt) macht eigentlich auch in erster Linie Witze, die nur so halblustig sind, wenn man einrechnet, dass hier gestorben wird. Er zitiert nach Herzenslust (wenn auch nicht so plump, dass man jedes Zitat sofort decodieren könnte, ich zumindest konnte es nicht), er scheut sich nicht vor einer drastischen (und für die Handlung vollkommen unnötigen) Mordszene, er lässt Kameramann Karl-Friedrich Koschnick wundervoll grobkörnige Bilder eines bedrückenden Hintertaunus malen. Aber er hat nichts zu erzählen, also macht er Witze, und dabei nicht immer nur gute, leider.
Doch natürlich, „Was würde Til Schweiger tun?“, ist dieser Krimi großartig. Als geschmäcklerischer Kunstfilm funktioniert er nämlich, und zwar weitaus besser als alle „Tatorte“, die sich bislang an so etwas versucht haben. Nur erfüllt er kaum die Kriterien, die ich an einen guten „Tatort“ lege: Er zeigt nicht, wie jemand zum Verbrecher wird (wer ist in dieser hanebüchenen Geschichte eigentlich wirklich der Verbrecher? Ja, klar, ich habe es schon verstanden, aber hat mich das überhaupt interessiert?). Er ist nur deswegen in einer bestimmten Region dieses Landes verortet, weil er den Hintertaunus so schonungslos hässlich, herzlos und abweisend zeigt, wie er tatsächlich ist (allerdings tut er nichtmal so, als ob es in Brandenburg, Schwaben, Niedersachsen und allen anderen Ecken dieses Landes nicht ähnlich trostlose Dörfer geben würde). Und er ist an keiner Stelle politisch, höchstens noch an dieser: Diese Gesellschaft ist krank, also ist auch die Hauptfigur krank. Und weil sich diese Krankheit einfach nicht aushalten lässt, flüchtet man sich ins Surreale, ja, das geht.
Gespielt wird übrigens durch die Bank grottig. Der große Devid Striesow: darf nur schwer atmend gucken. Thomas Thieme: manieriert. Claudia Michelsen: lässt sich von den Kesslers die Butter vom Brot nehmen. Das ist egal, darum gehts hier nicht.
Was am Ende bleibt, sind die Szenen in der Dorfkneipe, und das sind nun mal ehrlich Kabinettstückchen. Und von da ab gibt es nur noch: den Irrsinn. Und jetzt: Was würde Til Schweiger tun?

(Zum Vergleich, kritisch: Matthias Dell im Freitag. Voll des Lobs: Christian Buß auf SpOn. Freundlich: der Wahlberliner. Königlich amüsiert: der Stadtneurotiker.)

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