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Lass uns nicht von Sex erzählen

12. Dezember 2011

Oft sprechen mich junge Menschen an, weil sie Probleme haben mit diesem Internet, von dem man gerade so viel hört: Zu wenig Sex gebe es dort, und man solle sich doch trauen, endlich mal ein richtig gutes Sexblog auf die Beine zu stellen. (Mich fragen sie, weil sie gehört haben, dass ich schon einmal Sex gehabt haben soll, angeblich.)
Fände ich gut. Also, wenn es jemand schaffen würde, unpeinlich und kreativ und unterhaltsam von Sex zu erzählen. Allein, ich glaube nicht, dass das jemand schafft. Weil ich den jungen Leuten aber nicht alle Hoffnung nehmen möchte, gebe ich ihnen ein Beispiel: Sie sollen sich den „Tatort“ von vergangenem Sonntag anschauen, „Schwarze Tiger, weiße Löwen“, da hat nämlich die Kommissarinnenfigur Charlotte Lindholm Sex. Ganz grauenhaft öden Sex. Und dass dieser Sex so öde aussieht, hängt natürlich einerseits damit zusammen, dass die Kommissarinnenverkörpererin Maria Furtwängler eine ganz schlechte Schauspielerin ist, die sich in keine Figur einfühlen will, sondern auch noch beim wüstesten Gevögel (das hier nicht einmal in Ansätzen zu sehen ist, sondern nur schwachbrüstige Konvention) in erster Linie darauf achtet, dass sie, Maria Furtwängler, gut aussieht. Ein weiterer Grund aber ist der, dass ein Regisseur, der Bilder für Sex sucht, immer wieder die gleichen, langweiligen Bilder findet, Finger, die sich in Laken verkrampfen, schweißglänzende Haut, geschlossene Frauenlider. (Das muss so sein, weil Sex ja nun wirklich häufig ganz ähnlich aussieht. Dass aber auf der Tonspur ausgerechnet ein Saxophon ein ultrabetttauglich-kitschiges Stück quäkt, das hätte nicht sein müssen.)

Dass der ganze Film kaum erträglich ist, liegt natürlich nicht nur an der Sexszene. Es liegt auch und wieder daran, wie Furtwängler ihre Kommissarin Lindholm anlegt: als Souveränitätsbombe, die nichts dabei findet, Fehler zu machen (den Dienstausweis beim Sex verschlampen!), und, wenn diese Fehler Probleme nach sich ziehen, Untergebene stumpf von oben herab zurechtzuweisen. Wozu gibt es denn auch Hierarchien, wenn man nicht denen, die unten stehen, mal so richtig gegens Schienbein hauen kann, auch wenn sie nun wirklich nichts dafür können? Was die „Tatorte“ mit Furtwängler echt schlimm macht: dass Lindholm mit dieser arroganten Masche immer wieder durchkommt und den Mörder, klar, schnappt. Man müsste wirklich mal analysieren, was hinter dieser Figur eigentlich für ein Gesellschaftsbild steckt.

Der Krimi selbst? Interessiert da schon kaum noch. Was schade ist, weil Regisseur Roland Suso Richter hübsch dräuende Bilder von der Gifhorner Kleinbürgerhölle gefunden hat, weil auch das Drehbuch von Ulrike Molsen und Eoin Moore ein paar hübsche Haken schlägt, und vor allem auch weil das Ensemble nicht uncharmant aufspielt, allen voran Inka Friedrich als lokal zuständige Polizistin und Michaela Caspar als schwer traumatisierte Opfergattin. Aber dass das nicht interessiert, liebe Zuhörer, das ist doch der beste Beweis dafür, dass man die Finger davon lassen sollte, von Sex zu erzählen. Weil das nämlich alles kaputt macht.

(Recht freundlich, diesmal: Matthias Dell im Freitag. Vom Sex nicht völlig verstimmt: Jens Szameit auf tatort-fundus.de. Nicht überzeugt: der Wahlberliner. Gelangweilt: der Stadtneurotiker. Fies: Anna im Wunderland.)

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2 Kommentare leave one →
  1. 12. Dezember 2011 15:42

    Ich wußte ja, warum ich mir diesen Tatort nicht angetan habe. Obwohl ich mir wirklich jeden Tatort ansehe – zumindest halb bis zum einschlafen. Aber Furtwängler Tatorte ärgern mich jedes Mal. Und Sexszenen in Tatorten erst recht.

Trackbacks

  1. Eingesperrt « Ansichten aus dem Millionendorf

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