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Wer beim „Tatort“ „Islam“ sagt, der muss im nächsten Satz „Terror“ sagen!

18. Dezember 2011

Und ja, irgendwann bin ich ausgestiegen, aus diesem „Tatort: Der Weg ins Paradies“, irgendwann habe ich nicht mehr kapiert, wer jetzt wen observiert, die Al-Quaida-Hilfskraft den Wie-immer-Superbullen Cenk (Mehmet Kurtulus), das BKA die Al-Quaida-Hilfskraft oder jemand ganz anders (wie sagt der gewohnt unsympathisch als BKA-Scherge besetzte Martin Brambach einmal? „Da sind sicher noch ein paar andere Dienste unterwegs“; mysteriös!) das BKA. Ich habe dann einfach nicht mehr verstanden: Ab welchem Punkt war klar, dass die religiösen Fanatiker (Merke: Wer beim „Tatort“ „Islam“ sagt, der muss im nächsten Satz „Terror“ sagen! Und wo bleibt eigentlich mal der Krimi, der keine muslimischen Selbstmordattentäter zeigt, sondern freikirchliche Apokalyptiker, die die Reeperbahn vom unchristlichen Schmutz reinigen wollen, ich mein‘ ja nur?) gar nicht das Hamburger Congress Center in die Luft jagen wollen, sondern einen x-beliebigen Linienbus in einem ganz anderen Stadtteil? Und woher weiß Wie-immer-Superbulle Cenk eigentlich, welcher Bus das Anschlagsziel ist, wo doch alle möglichen Informanten kurz zuvor dekorativ von Kugeln durchsiebt wurden? Und dass es ein Agent des syrischen Geheimdienstes ist, der gemeinsame Sache mit dem BKA macht und den in diesem Moment sogar recht verletzlichen Bullen Cenk vor der Enttarnung rettet, das ist entweder eine hübsch subversive Volte des Drehbuchs, oder dieser Krimi wurde gedreht, als der syrische Geheimdienst noch ein besseres Image in der Weltpolitik hatte als gerade. Ach, egal. Ich schaue ja auch gar nicht mehr, der Abschiedsschmerz vernebelt mir den Blick.
Weil nämlich diese NDR-„Tatorte“ mit Mehmet Kurtulus einfach: großartig sind. Weil kein „Tatort“ sonst so genau mit den Eigenarten seines Drehorts umzugehen weiß, diese Coolness der Stadt Hamburg, die man immer sehr schnell als Kälte wahrnimmt, als Kälte, vor der man nur in speckigen Hamburger-Berg-Pinten einen Rückzugsraum findet. Weil der Migrationshintergrund Cenk Batus zwar Thema ist, meist aber nicht in den Vordergrund drängt (bis auf heute, wie gesagt, der Islam-Terror-Reflex), was vergleichbar eigentlich nur noch bei der von Miroslav Nemec gespielten Figur des Ivo Batic in München der Fall ist. Und weil die Regie in Hamburg eigentlich immer erste Sahne ist, heute in den Händen von Lars Becker, der sich zunächst ein hübsches James-Bond-like Intro in Marrakesch gönnt, bevor er kunstvoll Wie-immer-Superbullen Cenk als Verdeckten Ermittler in die Terrorzelle einschleust.
Und hier landet man vielleicht beim größten, vielleicht beim einzigen Problem der Hamburger „Tatorte“: dass Wie-immer-Superbulle Cenk kein Kommissarsbeamter ist, sondern ein Verdeckter Ermittler. So ein Verdeckter-Ermittler-Krimi sieht nämlich immer irgendwie gleich aus: Superbulle wird bei den Kriminellen eingeschleust, Superbulle droht, aufzufliegen, Superbulle durchschaut kurz vor Schluss, wie die Geschichte zusammenhängt und setzt alles auf eine Karte. Und dann fliegt noch ein Bus in die Luft. Tut mir leid, Entwicklungspotenzial ist was anderes.

Aber, ach, das ist egal, ist doch eh‘ alles egal. Weil Wie-immer-Superbulle Cenk noch einen einzigen Fall lösen wird, bis dann Worst Case Til Schweiger an der Elbe ermitteln wird („Schweiger ist mit Abstand der erfolgreichste deutsche Kinoschauspieler, das hat seine Gründe, und manche, die es nicht sind, haben so ihre Schwierigkeiten damit“ rhabarbert Filmproduzent Christian Granderath im SpOn-Interview, nur um im nächsten Satz die antiintellektuelle Karte zu spielen, dass man „nicht immer und überall den Hamlet geben“ müsse, um gut und spannend zu unterhalten, unterste Schublade, echt.) Und dann wird es vorbei sein mit klug ausgelebten Figuren, dann wird es vorbei sein mit dem irgendwie echten Image einer Stadt, die ich auf der einen Seite hasse und auf der anderen Seite liebe, dann wird es vorbei sein mit so süßen wie schönen Polizistengespielinnen wie der charmant-kratzbürstigen Gloria (echt hübsch: Anna Bederke, die meine geschätzte Kollegin Juliane Rusche einst fürs uMag porträtierte), von der sich Wie-immer-Superbulle Cenk cool unsouverän unter den Tisch trinken lässt. Und schließlich wird Peter Jordan nicht mehr seine 1-A-Nazifrisur in die Kamera halten dürfen.

Wird mir fehlen, das alles.

(So mittel: Matthias Dell im Freitag. Superb: Heiko Werning auf tatort-fundus.de. Ganz hübsch spannend: der Wahlberliner. Waaaaaarum? Anna im Wunderland. Eine Steigerung ist kaum möglich: der Stadtneurotiker.)

3 Kommentare leave one →
  1. 21. Dezember 2011 16:53

    Die goldenen Zeiten des Formats „Tatort“ sind leider schon lange vorbei. Das mag daran liegen, dass die langsam vor sich hin alternden Kulturbeamten aller betroffenen Sender nach der Devise leben „Was so hohe Quoten hat, KANN gar nicht schlecht sein und solange das so ist, wird an dem Format auch nichts geändert.“

    Nachdem die Tatorte aus München, Köln und Hannover leider schon lange unerträglich geworden sind (und ich meine nicht nur die Bücher) sollen nun also auch Frankfurt und Hamburg folgen. Dabei ist Ulrich Tukur im Gegensatz zu Till Schweiger kein abgehalfterter Lindenstraßen-Clown sondern ein richtiger Schauspieler mit richtigem Talent und Timing und Gefühl und all dem aber leider, leider, leider stinkt auch hier, wie so oft beim HR, der Fisch vom Kopfe her, nämlich aus der Redaktion.

    Und solange die wirklich guten Drehbuchideen (ich weiss, wovon ich rede) immer wieder in das drögen Ü60-Korsett der entscheidungsunfähigen ARD-Redaktionen gequetscht werden müssen, wird der Zuschauer leider weiterhin ertragen müssen, wie selbst aus der spannendsten und ausgefeiltesten Täter-Figur dank der unterirdischen „Regie“ vermeintlich verdienter Kollegen eine flennende, wimmernde Rotzgöre wird, der man am Ende noch nichtmal mehr zutraut, sich selbst die Schuhe binden zu können, so wie neulich in dem erbärmlichen Versuch von Herrn Suso Richter, aus dem Natscha-Kampusch-Fall eine rührselige Krimi-Seifenoper zu frickeln.

    Kein Wunder also, dass ein 1A-erste-Sahne-Spitzen-Schauspieler wie Mehmet Kurtulus keine Lust mehr hat, sich für derlei unausgegorenen Schund vor der Kamera verheizen zu lassen.

    • 21. Dezember 2011 21:32

      Da stimme ich zu und widerspreche ich gleichzeitig. Zum einen: Es stimmt, dass die Entscheidungsstrukturen in der ARD schwerfällig sind und nur selten gute Ergebnisse zur Folge haben – der Hannoveraner „Tatort“ vor zweieinhalb Wochen, den Sie erwähnen, ist da ein ganz gutes Beispiel. Was aber meiner Meinung nach kein gutes Beispiel ist, sind seit eineinhalb Jahren die Hamburger Beiträge zur Reihe: Die überzeugten mich praktisch immer, mit ihrer ungeschönten Härte, ihrem originellen Zugriff, ihrer avancierten Ästhetik und nicht zuletzt ihrem sinistren Humor. Mehmet Kurtulus wird seine Gründe gehabt haben, die Rolle abzugeben, ich könnte mir vorstellen, dass da auch der klassische „Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist“-Gedanke mit rein gespielt hat – aber schlechte Regie und schlechte Bücher bekam er vom NDR sicher nicht vorgelegt. Die Folgen waren kein „unausgegorener Schund“.

      Das große Problem der „Tatort“-Reihe ist meiner Meinung nach die Orientierung an der Quote. Avancierte TV-Fiktion kommt zurzeit meist von US-Pay-TV-Sendern wie HBO oder von öffentlich-rechtlichen Anstalten wie der BBC – jeweils Institutionen, für die die Quote eine untergeordnete Bedeutung hat. Weswegen die ganz ähnlich organisierte ARD da einen anderen Weg als die BBC eingeschlagen hat und das Quotendenken des Privatfernsehens kritiklos übernommen hat, verstehe ich nicht ganz. Auf jeden Fall hatte das zur Folge, dass echte Innovation im „Tatort“ nur noch selten auftaucht, bei den Kurtulus-Krimis aus Hamburg etwa.
      Das „Beamtendenken“, das Sie den ARD-Gremien vorwerfen, ist da zweitrangig. Erstens sind die Verantwortlichen im arbeitsrechtlichen Sinn keine Beamten, und zweitens möchte ich bezweifeln, dass Beamte nicht ebenso kritikfähig, unkonventionell und engagiert sein könnten wie ihre Kollegen in der Privatwirtschaft. Wobei, wenn ich mir anschaue, was bei RTL und ähnlichen Sendern so fabriziert wird, muss ich sagen: Es dürfte schwer sein, konventioneller zu denken als bei den Privaten.

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