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Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als du kleines Menschlein dir vorstellen kannst

28. Dezember 2011

Kommt ein Mann zum Pfarrer und erzählt, dass er nicht an Gott glaube. Sagt der Pfarrer mit beseeltem Blick: „Das ist ein Beweis für die Güte des Herrn: Du bist Atheist, und er akzeptiert dich dennoch, so wie du bist.“ (Ja, okay, ich habe mir den Witz gerade erst ausgedacht, da darf man kein Fips Asmussen-Niveau erwarten.)


(Foto: © Henning Rogge/Deichtorhallen)

Zu Beginn der Ausstellung „Wunder“ in den Deichtorhallen begegnet einem eine Installation von Joseph Beuys: „Eurasienstab“, vier an eine Wand gelehnte Filzwinkel (im Bild links). Beuys wollte, so informiert der Ausstellungstext, mit diesen Gerätschaften eine geistige Verbindung zwischen West und Ost herstellen, eine Brücke zwischen Kapitalismus und Sozialismus, zwischen Europa und Asien, während des tobenden Kalten Kriegs. Ich weiß, dass sich über Beuys, den wohl bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts, Klügeres sagen lässt als solch Geschwafel, der Satz macht aber deutlich, welches Problem ich oft mit Beuys habe: Man kann ihn ganz leicht vereinnahmen, für dummen, nicht durchdachten Antirationalismus. Für die Grünen, für die Anthroposophen, für eine Ausstellung wie „Wunder“.
„Wunder“ haut nicht fröhlich in die weihnachtliche Kerbe des Wunderglaubens, „Wunder“ ist raffinierter. Eine Videoinstallation von Johanna und Helmut Kandl zeigt Wallfahrer, glücklich, verzückt, fanatisch. Dass in diesem kollektiven Glücksgefühl auch eine Bedrohung liegt, verschweigt die Ausstellung nicht, gleichzeitig deutet sie aber an, dass in solch einem Gemeinschaftsgefühl eine Kraft stecken muss, die mit individualisierter Wissenschaftlichkeit nicht fassbar ist. Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als du kleines Menschlein dir vorstellen kannst, sagt die Ausstellung. Und was spricht dagegen, dieses Unvorstellbare als „Wunder“ zu bezeichnen?
Das immerhin spricht dagegen: dass Wunderglauben fast immer Hand in Hand mit Religion geht. Diese Verbindung spart die Ausstellung verschämt aus, entsprechend gibt es auch keine Kritik an dem disziplinierenden Charakter von Religion (und nur in einem versteckten Kabinett, in dem Kinder ihre Vorstellungen von göttlichen Wundern formulieren durften, wird klar, wie der Hase läuft). Im Grunde ist „Wunder“ eine stockreaktionäre Veranstaltung, die sich nicht einmal traut, zu ihrem reaktionären Charakter zu stehen.
Was die kuratorisch eigentlich ganz gut aufgestellten Deichtorhallen geritten haben dürfte, sich auf solch schlüpfriges Terrain zu begeben, man weiß es nicht. Immerhin muss sich kein hauseigener Kurator für den Schmonzes verantworten, die Schau ist schlüsselfertig eingekauft von der Berliner Praxis für Ausstellungen und Theorie, drei freien Ausstellungsmachern, die sich selbst an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kunst und Kulturgeschichte verorten und bislang Schauen wie „Der Ball ist rund“ anlässlich 150 Jahren DFB im Gasometer Oberhausen oder „Schmerz“ im Hamburger Bahnhof Berlin konzipierten. Erfolgsausstellungen. Was das Trio allerdings über den Publikumserfolg hinaus mit „Wunder“ bezweckt, erfährt man nicht.
Am Ende steht die Religion. Am Ende steht die Erkenntnis, dass jeder an Wunder glaubt, solange er nicht so größenwahnsinnig ist, alles zu verstehen – und wer an Wunder glaubt, der glaubt auch irgendwo an Gott. Oder an die Gemeinschaft. Oder an die Kunst, ist ja alles dasselbe, dieses nicht Fassbare: „Pure Vernunft darf niemals siegen“. Davon, dass man womöglich durchaus akzeptiert, nicht alles zu wissen, für dieses Nichtwissen aber auch keine übergeordnete Erklärung braucht, schweigt diese Ausstellung.

Kommt ein Mann zum Kurator und erzählt, dass ihn Wunder eigentlich überhaupt nicht interessieren. Sagt der Kurator mit maliziösem Blick: „Dieser Skeptizismus, ist der nicht wunderbar?“

(Wunder. Kunst, Wissenschaft und Religion vom 4. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Bis 5. 2., Deichtorhallen, Hamburg)

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