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Tofuwürstchen

1. Januar 2012

Thesenkrimis sind eine schwierige Sache. Einerseits: schwer formatierte Geschichten, vorhersehbar, kaum spannend. Andererseits: Man spürt beim Thesenkrimi, dass der Drehbuchautor mehr will als bloße Unterhaltung, er will den Finger in eine Wunde legen, er will von einem gesellschaftlichen Missstand erzählen. Thesenkrimis sind damit die Nachfolger des klassischen Fernsehspiels, Kriminalfilme aus dem Geist des Geimeinschaftskundeunterrichts, in letzter Konsequenz sozialdemokratisch. Ich mag die Sozialdemokraten ja, immer noch, irgendwie.
Unter den hartgesottenen Tatort-Fans schätzt kaum jemand Thesenkrimis. Was vor allem daran liegt, dass diese Disziplin im Tatort-Konzert vor allem von Teams gepflegt wird, die nicht wirklich für Innovation stehen, man könnte sogar sagen: die ihren Zenit längst hinter sich haben. Das ist zum einen sicher Köln, wo die These grundsätzlich dialektisch diskutiert wird. Wenn in Köln zu Beginn die Leiche eines Schwarzafrikaners gefunden wird, dann behauptet Kommissar Schenk, dass der doch sicher ein Drogendealer war, während Kommissar Ballauf die Meinung vertritt, dass Schwarze alles in allem dufte Typen seien, nur damit in den letzten fünf Minuten des Krimis an der ikonographischen Würstchenbude erörtert werden kann, dass in diesem konkreten Fall wohl wirklich mit Drogen gedealt wurde, Schwarze aber alles in allem aber dennoch ganz in Ordnung sind, also: Menschen wie du und ich, mit Fehlern.

Für den Tatort „Tödliche Häppchen“ wurde die Würstchenbude von Köln rheinaufwärts nach Ludwigshafen verlegt, allerdings bietet sie hier ausschließlich Tofuwürstchen an, weil die zu erörternde These in der Pfalz lautet: In der Lebensmittelindustrie gehts eklig zu. Wir sind beim zweiten Thesenkrimiteam, den Ludwigshafenern Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Hoppe). Stehen aber die Kölner unter der Verantwortung des SPD-nahen Westdeutschen Rundfunks, kommen die Ludwigshafener vom deutlich konservativeren SWR. Mit Dialektik haben es Konservative aber nicht so, also stellen sie eine These in den Raum, die gefressen werden soll. Wobei Fressen hier eine hübsche Doppelbedeutung hat, wir lernen, nein, wir wissen schon längst, dass derjenige, der Tiere tötet, auch bereit ist, Kindergärten mit ungenießbarem Schlachtabfall zu beliefern beziehungsweise einer verletzten Mitarbeiterin final das Genick zu brechen. Und weil wir das längst wissen, müssen wir nicht noch langwierig diskutieren oder ermitteln, stattdessen wird dem offensichtlichen Mörder solch ein gekünsteltes Lachen verpasst, dass auch der letzte Zuschauer kapiert: Der muss es gewesen sein.
Vorneweg: „Tödliche Häppchen“ ist nicht spannend. Macht keinen Spaß. Hat eigentlich auch keine These, zumindest nichts auch nur annähernd Kontroverses. „Tödliche Häppchen“ ist, das kann man ohne jedes schlechte Gewissen sagen, der bis dato schlechteste Tatort des Jahres. Es ist zum Heulen, was die eigentlich geschätzte Ulrike Folkerts hier spielen muss (Regie: Josh Broecker), an manchen Stellen glaubt man sogar zu spüren, wie diese Schauspielerin leidet. Als ihre Kommissarin im Kühlhaus eingeschlossen wird, schlunzt Folkerts diese eigentlich hochdramatische Szene zum Ultralangweiler runter, sie hat so wenig Bock, das ist nahezu Arbeitsverweigerung. Wobei, Langweiler, das passt natürlich zur Tofuwürstchenszene.
Vielleicht ist „Tödliche Häppchen“ ja eine Komödie, manchmal hat man den Eindruck: in den unvorstellbar gekünstelten Dialogen, in denen Kopper die möchtegern-sexy Tanzlehrerin (Kathrin Kühnel) beim Rumbatanzen nach ihrem Alibi fragt und das durch den Raum wabert, was ein Regisseur wie Broecker für Erotik hält. Vielleicht haben wir das ja ganz falsch verstanden, vielleicht ist „Tödliche Häppchen“ ja eine Satire auf Fernsehkrimikonvention? Ach, hätten wir es doch nur falsch verstanden!

Aber nein. Es ist ganz einfach so: Der CDU-Sender SWR ist gegen das Behandeln von gesellschaftlichen Problemfeldern im Fernsehkrimi, deswegen produziert er Tatorte, die das Image des Thesenkrimis ins Bodenlose fallen lassen sollen. Tatorte, die jenseits allen Niveaus stehen, Tatorte, die dem Reihentitel Hohn sprechen, überall könnten sie gedreht sein (Ludwigshafen! Größter Chemieindustriestandort des Landes! Hat man schon einmal einen SWR-Tatort gesehen, in dem dieser Industriezweig vorkommt?), und, tatsächlich, er wird ja auch überall gedreht, in Karlsruhe, in Baden-Baden, in irgendeiner namenlosen Mittelgebirgslandschaft, nur nicht in Ludwigshafen selbst.
Sogar die Würstchenbude, sie steht am falschen Rheinufer. In Mannheim nämlich, ach.

(Erwartungen erfüllt: der livebloggende Stadtneurotiker. Spannungsfrei: Wilfried Geldner auf tatort-fundus.de. Traurig: Matthias Dell im Freitag. Angeekelt: Christian Buß auf SpOn. Voller Mitleid: der Wahlberliner.)

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2 Kommentare leave one →
  1. 4. Januar 2012 04:40

    Huhu Falk!!!
    Ja, das Niveau im Fernsehen wird immer schlechter.
    Aber dafür wird das Niveau von Internet – Blogs gelegentlich besser. :D

    Du schreibst sehr gut, wenn vielleicht auch phasenweise etwas langatmig für meinen Geschmack.
    Es ist schade, dass Deine letzten Artikel nicht sehr häufig kommentiert worden sind. :(

    Ich wünsche Dir für 2012 viel Erfolg mit Deinem Blog sowie Glück und Liebe in Deinem Leben.

    Fröhliche Grüße, Deine Auc :)

    • 4. Januar 2012 08:33

      Ach, das stimmt so ja nicht, dass das Niveau immer schlechter wird. Im Gegenteil, das filmästhetische Niveau steigt kontinuierlich: Man schaue sich nur einmal alte Tatorte an, selbst Klassiker wie „Reifezeugnis“ sind unvorstellbar betulich gefilmt. Nur inhaltlich passiert es eher selten, dass mit diesem filmischen Niveau Schritt gehalten wird (allzu selten aber auch nicht, sonst würde ich mir den Kram ja nicht anschauen geschweige denn darüber schreiben.)

      Dass hier zuletzt selten kommentiert wurde, ist wirklich schade, allerdings muss man sich da auch keine Illusionen machen: Die Bandschublade ist ein Kulturblog mit spröden Themen wie Theater, Kunst und Camp (und hin und wieder einer Krimikritik), da muss ich schon froh sein, halbwegs konstante Zugriffszahlen zu haben.

      Aber: danke.

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