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Du. Musst. Dein Leben. Ändern.

14. Dezember 2011

Der Herr hier links, das ist PeterLicht. Beziehungsweise, das ist Meinrad Jungblut, der Mann, der der Kunstfigur PeterLicht ein Gesicht gibt. Beziehungsweise, das ist der Mann, der vorgibt, Meinrad Jungblut zu sein, auch dieser Name soll nur ein Künstlername sein und möglicherweise für Peter Pichler stehen. Ach was, bevor hier irgendwelche Gerüchte ins Kraut schießen, natürlich ist das nicht PeterLicht, das ist der geschätzte Kollege aus dem Nachbarbüro und aus dem Nachbarblog, der immerhin im aktuellen uMag ein aufschlussreiches Interview mit PeterLicht oder wem auch immer geführt hat. Lange Zeit dachte man, das sei die große Qualität dieses Autors, Musikers, Theatermachers: dass er es geschafft hat, in einem Popkontext, also: in einer Welt, die wie keine andere auf Abbildbarkeit beruht, hinter einem Zeichensystem zu verschwinden. Kein Gesicht, keine Identität. Ein Phantom.

Blödsinn. PeterLicht, wer immer das auch sein mag, hat ein Gesicht: Es ist das Gesicht eines Herrn mittleren Alters mit schütter werdendem Haar, Dreitagebart, großer Brille. Man sieht es bei dem Konzert auf Kampnagel, der Herr dort auf der Bühne bittet einzig darum, keine Fotos zu machen. (Ein paar Blitzlichter sind dennoch zu sehen, es ist egal.) Was hier passiert, ist kein kunstvolles Unterlaufen des Bilderzwangs im Pop, es ist wahrscheinlich viel einfacher – PeterLicht ist wahrscheinlich unglaublich schüchtern. Außerdem hat er, das muss man sagen, keine nennenswerte Bühnenpräsenz. Und er kann nicht besonders singen, das macht nichts, die besten Sänger sind eigentlich Nichtsänger, aber irgendwie schafft er es nicht, aus diesem Nichtsängertum eine eigene Qualität zu machen. Die Tatsache, dass man das auf den extrem professionell produzierten, man könnte sogar sagen: überproduzierten Platten kaum raushört, stützt diese These. Diesem Menschen ist es unangenehm, dass man die Limitiertheit seiner musikalischen Mittel deutlich raushört.
Was hilft, ist die Band. Die ist sehr, sehr gut, fast könnte man behaupten, dass da vier Mucker stehen, die dem in die Ecke verdrückten Sänger eine Basis bieten, auf der er seine klugen Texte, seine von Platte zu Platte lieblicher werdenden Melodien ausbreiten kann. Alleine, es funktioniert nicht. Eigentlich klappn nur die schnellen, schlagerhaften Songs, die Hits, „Alles was du siehst gehört dir“, „Neue Idee“. Wo die Songstrukturen aber diffiziler werden, bei „Sagt mir, wo ich beginnen soll“ etwa, bricht die Dramaturgie des Konzerts vollkommen in sich zusammen, bleibt nur noch prätentiöses Gewummer, etwas, das irgendwie Kunst sein soll und das Warten auf den nächsten Hit. Es ist, tut mir leid, dann eben auch ziemlich langweilig.

Ich kenne die Theaterarbeiten von PeterLicht für die Münchner Kammerspiele und fürs Berliner Gorki nicht. Schade eigentlich, ich erwarte da viel, ich erwarte das Kluge, Durchdachte, das das musikalische Konzept dieses Künstlers ausmacht. Ich erwarte den Witz seiner Literatur (für die er immerhin den Publikumspreis sowie den 3sat-Preis beim Bachmannwettbewerb bekam, das ist ja nicht nichts). Ich erwarte Songtexte, die sich in ihrer Lieblichkeit im Ohr festsetzen und dort dann ihr Gift entfalten: „Du musst dein Leben ändern“. Ich erwarte nur nicht: dieses komische Hin und Her eines Menschen, der irgendwie nicht auftreten will, dann aber trotzdem auf der Bühne steht. Als Regisseur, nämlich, muss er das ja nicht.

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Lass uns nicht von Sex erzählen

12. Dezember 2011

Oft sprechen mich junge Menschen an, weil sie Probleme haben mit diesem Internet, von dem man gerade so viel hört: Zu wenig Sex gebe es dort, und man solle sich doch trauen, endlich mal ein richtig gutes Sexblog auf die Beine zu stellen. (Mich fragen sie, weil sie gehört haben, dass ich schon einmal Sex gehabt haben soll, angeblich.)
Fände ich gut. Also, wenn es jemand schaffen würde, unpeinlich und kreativ und unterhaltsam von Sex zu erzählen. Allein, ich glaube nicht, dass das jemand schafft. Weil ich den jungen Leuten aber nicht alle Hoffnung nehmen möchte, gebe ich ihnen ein Beispiel: Sie sollen sich den „Tatort“ von vergangenem Sonntag anschauen, „Schwarze Tiger, weiße Löwen“, da hat nämlich die Kommissarinnenfigur Charlotte Lindholm Sex. Ganz grauenhaft öden Sex. Und dass dieser Sex so öde aussieht, hängt natürlich einerseits damit zusammen, dass die Kommissarinnenverkörpererin Maria Furtwängler eine ganz schlechte Schauspielerin ist, die sich in keine Figur einfühlen will, sondern auch noch beim wüstesten Gevögel (das hier nicht einmal in Ansätzen zu sehen ist, sondern nur schwachbrüstige Konvention) in erster Linie darauf achtet, dass sie, Maria Furtwängler, gut aussieht. Ein weiterer Grund aber ist der, dass ein Regisseur, der Bilder für Sex sucht, immer wieder die gleichen, langweiligen Bilder findet, Finger, die sich in Laken verkrampfen, schweißglänzende Haut, geschlossene Frauenlider. (Das muss so sein, weil Sex ja nun wirklich häufig ganz ähnlich aussieht. Dass aber auf der Tonspur ausgerechnet ein Saxophon ein ultrabetttauglich-kitschiges Stück quäkt, das hätte nicht sein müssen.)

Dass der ganze Film kaum erträglich ist, liegt natürlich nicht nur an der Sexszene. Es liegt auch und wieder daran, wie Furtwängler ihre Kommissarin Lindholm anlegt: als Souveränitätsbombe, die nichts dabei findet, Fehler zu machen (den Dienstausweis beim Sex verschlampen!), und, wenn diese Fehler Probleme nach sich ziehen, Untergebene stumpf von oben herab zurechtzuweisen. Wozu gibt es denn auch Hierarchien, wenn man nicht denen, die unten stehen, mal so richtig gegens Schienbein hauen kann, auch wenn sie nun wirklich nichts dafür können? Was die „Tatorte“ mit Furtwängler echt schlimm macht: dass Lindholm mit dieser arroganten Masche immer wieder durchkommt und den Mörder, klar, schnappt. Man müsste wirklich mal analysieren, was hinter dieser Figur eigentlich für ein Gesellschaftsbild steckt.

Der Krimi selbst? Interessiert da schon kaum noch. Was schade ist, weil Regisseur Roland Suso Richter hübsch dräuende Bilder von der Gifhorner Kleinbürgerhölle gefunden hat, weil auch das Drehbuch von Ulrike Molsen und Eoin Moore ein paar hübsche Haken schlägt, und vor allem auch weil das Ensemble nicht uncharmant aufspielt, allen voran Inka Friedrich als lokal zuständige Polizistin und Michaela Caspar als schwer traumatisierte Opfergattin. Aber dass das nicht interessiert, liebe Zuhörer, das ist doch der beste Beweis dafür, dass man die Finger davon lassen sollte, von Sex zu erzählen. Weil das nämlich alles kaputt macht.

(Recht freundlich, diesmal: Matthias Dell im Freitag. Vom Sex nicht völlig verstimmt: Jens Szameit auf tatort-fundus.de. Nicht überzeugt: der Wahlberliner. Gelangweilt: der Stadtneurotiker. Fies: Anna im Wunderland.)

Freddie Mercury

11. Dezember 2011

Keinerlei Vorschriften habe man ihr beim NDR gemacht, erzählt die Radiokollegin von ihrer Arbeit als auf Tanz spezialisierte Kulturjournalistin für den Hörfunk, fast keine, nur die: „Die Person John Neumeier ist sakrosankt in dieser Stadt. Berichte übers Hamburger Ballett müssen also immer einen positiven Dreh haben.“ Vielleicht hat die Kollegin etwas falsch verstanden, vielleicht hat sie sich aus irgendeinem Grund über den zuständigen Redakteur geärgert, es gibt viele Begründungen, weswegen man ihren Satz nicht auf die Goldwaage legen sollte, allein, es hilft nichts: Seit diesem Satz habe ich Probleme mit Neumeier.

Ich bin sicher kein Spezialist für klassisches Ballett. In Wahrheit bin ich, geprägt von Pina Bausch und William Forsythe, fürs klassische Ballett, für die schöne Bewegung, den atemberaubenden Körper, die „Erkenntnis, dass der Mensch die Krone der Schöpfung ist“ (Fritz J. Raddatz angesichts Rudolf Nurejews) längst verloren. Aber ich muss nur eine kurze Passage aus Neumeiers „Liliom“ sehen, um zu kapieren, dass diese Bühnenästhetik zwar die Formen klassischen Balletts benutzt, selbst aber gar nicht besonders klassisch ist. Neumeier choreographiert Spitzentanz, er zitiert die russische Ballettästhetik, die er verehrt, er übernimmt auch die streng hierarchische Ordnung der klassischen Compagnien, vor allem erzählt er eine Geschichte. Aber nicht alles an seiner Choreographie ist schöner Schein, er stellt auch mal einen Tänzer in Jeans und Muscleshirt auf die Bühne, wo es inhaltlich Sinn macht, eine gewisse Rauheit darf ruhig vorkommen, selbst ein Stolperer sollte zwar vermieden werden, wenn er aber doch mal passiert: meine Güte! Allerdings kommt das unglaubliche Niveau dieser Tänzer dazu, allen voran Anna Polikarpova, der Hamburger Star, der in „Liliom“ als Frau Muskat nicht wirklich zeigen kann, was er kann, und sich bewundernswert souverän in die zweite Reihe einfügt, dazu kommt eine Bühne, die mit kleinsten Mitteln eine Stimmung zwischen träumerischer Jahrmarktskulisse und „Dreigroschenoper“-artigem Sozialrealismus herstellt, dazu kommt nicht zuletzt die Musik, eine Auftragskomposition von Michel Legrand für Orchester, Big Band und Akkordeon, in der sich Neoklassik, Swing und Folkloristisches einen spannenden, manchmal bewusst misstönenden, manchmal atemberaubenden Wettstreit liefern – und man kommt nicht umhin, sich von dieser Ästhetik, dieser Virtuosität mitreißen zu lassen.

Das Problem fängt dort an, wo man sich mit dem Stück auseinandersetzt. Ferenc Molnárs „Liliom“ ist ja nicht einfach nur ein Stoff, es ist ein Theaterstück, das zwar (wegen akuten Kitschverdachts) kaum an Schauspielbühnen gespielt wird, gerade in Hamburg aber vor zehn Jahren in der Inszenierung Michael Thalheimers am Thalia einen Skandal verursachte. Die harte, karge Inszenierung zeigte Figuren, die näher am Tier waren als am Menschen, Figuren, die gar keine andere Chance hatten außer der Gewalt, wobei die Gewalt am Ende auch nichts gut werden ließ. Es ist unfair, die Thalheimer-Inszenierung mit der Neumeier-Choreographie zu vergleichen, es sind ja ganz andere Genres, aber die Arbeit von Thalheimer ist noch so präsent, nicht nur in Hamburg, man hat sie vor Augen, es geht nicht anders: den massigen Peter Kurth, die ungelenke Fritzi Haberlandt, wie sie verzweifelt an der Bühnenwand zu vögeln versuchen, mehr ein Stürzen, Fallen, Rammeln denn ein Schweben. Und dann stellt man durchaus fest, dass Neumeiers Interpretation desselben Themas, man will nicht sagen: verlogen ist, aber dass ihr doch etwas fehlt.
Der Tanz, in dem ich mich auskenne, ist Tanz, der seine Mittel immer bewusst macht: Wenn in Pina Bauschs „Frühlingsopfer“ die Tänzer gegen den Mulchboden ankämpfen, dann sieht man, dass diese Ästhetik harte Arbeit ist, wenn, im ganz radikalen Fall, Jochen Roller mit „Perform Performing“ den ökonomischen Entstehungsprozess des Stückes selbst reflektiert, dann sieht man, dass es hier um etwas geht. Das muss nicht immer so sein, die eigenen Mittel auszustellen muss nicht der Königsweg bleiben, nur: Wenn jemand wie ich durch diese „nackte“, antiillusorische Tanzästhetik geprägt ist, dann schaut er eben irritiert, wenn ein Stück die Befreiung von den Körperfesseln propagiert. Oder zumindest so tut als könnte sie es. Und wenn Carsten Jung, ein extrem attraktiver Mann in enger Lederhose und mit nacktem Oberkörper ein Solo im Gegenlicht tanzt, dann denke ich eben: Hübsch, ein Freddie-Mercury-Zitat. Nur dass diese Ästhetik gar nicht an Freddie Mercury denkt, sie denkt auch nicht in Zitaten. Sie meint alles zutiefst ernst.

Wie sehr diese Arbeitsweise an ihre Grenzen stößt, merkt man an der sozialen Verortung des Stücks. Neumeier holt Molnárs „Liliom“ aus dem Kontext des Jahrhundertwende-Budapests und versetzt es in die USA der 1930er-Jahre. Das macht er konsequent, er verwandelt aber mit seiner Vorliebe für Detailgenauigkeit den Sozialrealismus in ein Museum. Fatal wird das in den Szenen auf dem Arbeitsamt: Neumeier baut eine eindrucksvolle Depressionszeitästhetik nach, inclusive Schiebermützen und „Will work for food“-Transparenten. Und das bepelzte Publikum in der Hamburgischen Staatsoper, das bis knapp 100 Euro für seine Karte gezahlt hat, schaut sich das an und denkt: „Schon schlimm, es gab da eine Zeit, da scheint es Massenarbeitslosigkeit gegeben zu haben, lange her und weit weg!“
Und dann wird getanzt.

Zurück in den Mutterleib, in die Fruchtblase

6. Dezember 2011

Und dann hat es sich eben doch gelohnt. Dass man sich durch den beginnenden Schneeregen geschlagen hat, bis zur Prinzenbar, wo man durchnässt ankommt, frierend und mit beschlagener Brille. Es hat sich gelohnt, zum Konzert von Dillon zu kommen, Dominique Dillon de Byington, Berliner Brasilianerin unter massivem Hypedruck, was bedeutet, dass man überhaupt nichts sieht, weil die kleine Bar bis unters Dach gefüllt ist mit blöde gackernden Spexjüngerinnen, die das gesamte Konzert über quatschen, quatschen und die Kontaktlinsen verlieren. Was aber andererseits auch nicht besonders schlimm ist, weil es ohnehin nichts zu sehen gibt, Dillon steht fast das gesamte, kurze Konzert über hinter einem riesigen E-Piano, unbewegt, berührt, dazu programmiert Tamer Özgönenc basslastige Beats, die den Kronleuchter vibrieren lassen, das ist alles. Und wäre nicht besonders viel, würden einem die Songs auf Dillons Debüt „This Silence kills“ nicht so nahe gehen, dunkler Chansonpop, mal Soap & Skin, mal Siouxsie, mal Kate Bush, eine Helene Hegemann des technoiden Gothpop. Und dann hört man diese traurigen, wütenden, wummernden Chansons, und dann verliert man sich ein wenig, im stuckbesetzten Pseudobarock dieses wahrscheinlich schönsten Clubs der Stadt, dann fällt man zurück in den Mutterleib, in die Fruchtblase. Und dann weiß man, dass es sich eben doch gelohnt hat, den ganzen weiten Weg, ja.

„Haben Sie einen Clown gefrühstückt?“

4. Dezember 2011

Das ist alles überlagert, jetzt. Man kann sich diesen „Tatort: Das Dorf“ nicht mehr anschauen, ohne daran zu denken, was das für ein Film wäre, spielte nicht Ulrich Tukur die Hauptrolle, sondern Til Schweiger. Seit der NDR bekannt gab, dass Schweiger demnächst in der Krimireihe ermittelt, schaut man Tukur zu, wie er durch die hessische Provinz irrt, und fragt sich: Was würde Til Schweiger tun?

Das macht keinen Spaß mehr.

Wenn Schweiger als leichtverständlichster, massentauglichster Kommissar der Krimireihe angelegt sein dürfte, dann ist Tukurs Felix Murot der unzugänglichste. Nur selten zu sehen, „Das Dorf“ ist erst sein zweiter Fall nach dem schon recht speziellen „Wie einst Lilly“, und es ist … ein Querschläger. Das absolute Gegenteil dessen, was man sich von einem Fernsehkrimi erwartet, ein postmodernes Zitatspiel, eine Räuberpistole. Heinz Zimmermann stellt auf tatort-fundus.de klar:

Wer bei diesem TATORT die Realismus-Frage auch nur andenkt, hat schon verloren. Man muss sich völlig fallenlassen können in dieses einmalige Werk und Experimente auch mal zulassen, dann hat man für 90 Minuten größte Freude und kann den Blick nicht mehr vom Bildschirm wenden. Die Krimihandlung? Pfeif drauf!

Felix Murot hat einen Hirntumor, das wissen wir schon aus „Wie einst Lilly“. Dieser Tumor sorgt dafür, dass Murot haluziniert, und weil wir (bis auf wenige Ausnahmen) ausschließlich Murots Blick folgen, haluzinieren wir eben mit. Wir sehen ein Spukschloss, wir sehen Alice und Ellen Kessler einen Bossanova tanzen, wir sehen Tobias Langhoff als mörderischen Diener Dietrich eine formvollendete Kinski-Choreographie abliefern, wir sehen eine großartige Szene in der Leichenhalle, die die „Tatort“-Tradition der humoristischen Pathologenszenen zitiert, nur damit Murot den übertrieben kichrigen Pathologen (Sylvester Groth) barsch zurechtweisen kann: „Haben Sie einen Clown gefrühstückt?“ Was ja wohl die einzig angemessene Reaktion darauf ist, wenn jemand Witze macht, im Angesicht einer Leiche.
Ja.
Das Problem an „Das Dorf“ ist allerdings: Regisseur Justus von Dohnányi (den man vor allem als gern besetzten Psycho im Schauspielerfach kennt) macht eigentlich auch in erster Linie Witze, die nur so halblustig sind, wenn man einrechnet, dass hier gestorben wird. Er zitiert nach Herzenslust (wenn auch nicht so plump, dass man jedes Zitat sofort decodieren könnte, ich zumindest konnte es nicht), er scheut sich nicht vor einer drastischen (und für die Handlung vollkommen unnötigen) Mordszene, er lässt Kameramann Karl-Friedrich Koschnick wundervoll grobkörnige Bilder eines bedrückenden Hintertaunus malen. Aber er hat nichts zu erzählen, also macht er Witze, und dabei nicht immer nur gute, leider.
Doch natürlich, „Was würde Til Schweiger tun?“, ist dieser Krimi großartig. Als geschmäcklerischer Kunstfilm funktioniert er nämlich, und zwar weitaus besser als alle „Tatorte“, die sich bislang an so etwas versucht haben. Nur erfüllt er kaum die Kriterien, die ich an einen guten „Tatort“ lege: Er zeigt nicht, wie jemand zum Verbrecher wird (wer ist in dieser hanebüchenen Geschichte eigentlich wirklich der Verbrecher? Ja, klar, ich habe es schon verstanden, aber hat mich das überhaupt interessiert?). Er ist nur deswegen in einer bestimmten Region dieses Landes verortet, weil er den Hintertaunus so schonungslos hässlich, herzlos und abweisend zeigt, wie er tatsächlich ist (allerdings tut er nichtmal so, als ob es in Brandenburg, Schwaben, Niedersachsen und allen anderen Ecken dieses Landes nicht ähnlich trostlose Dörfer geben würde). Und er ist an keiner Stelle politisch, höchstens noch an dieser: Diese Gesellschaft ist krank, also ist auch die Hauptfigur krank. Und weil sich diese Krankheit einfach nicht aushalten lässt, flüchtet man sich ins Surreale, ja, das geht.
Gespielt wird übrigens durch die Bank grottig. Der große Devid Striesow: darf nur schwer atmend gucken. Thomas Thieme: manieriert. Claudia Michelsen: lässt sich von den Kesslers die Butter vom Brot nehmen. Das ist egal, darum gehts hier nicht.
Was am Ende bleibt, sind die Szenen in der Dorfkneipe, und das sind nun mal ehrlich Kabinettstückchen. Und von da ab gibt es nur noch: den Irrsinn. Und jetzt: Was würde Til Schweiger tun?

(Zum Vergleich, kritisch: Matthias Dell im Freitag. Voll des Lobs: Christian Buß auf SpOn. Freundlich: der Wahlberliner. Königlich amüsiert: der Stadtneurotiker.)

Zwischen Kiel und Konstanz

3. Dezember 2011

Ich schaue selten fern. Das ist nichts, worauf ich besonders stolz bin, Fernsehen ist schon okay, nur mein Medium ist es eben nicht. Während des Studiums und auch in den Folgejahren hatte ich nicht einmal einen Fernseher (weswegen ich immer, wenn ich meine Eltern besuchte, bis spät in der Nacht vor dem Bildschirm saß, was zur Folge hatte, dass meine Meinung, dass Fernsehen grunddoof sei, bestätigt wurde: Niemandem tut es gut, stundenlang „Ally McBeal“, stupide verschnittene Actionfilme und Softpornos aus den Siebzigern zu schauen), erst nach meinem Umzug nach Hamburg entschied ich mich, dass ich mein mageres Volontärsgehalt nicht allabendlich ins überteuerte Nachtleben dieser ohnehin teuren Stadt tragen wollte und entsprechend andere Zerstreuung brauchte. Trotzdem, ich fremdelte weiterhin mit diesem Medium. Bis heute.
Eine Weile dachte ich, Fernsehen sei wichtig zur Information, um up to date zu bleiben. Lächerlich. Jede x-beliebige Agenturverwursterseite im Netz informiert mich umfangreicher als die Fernsehnachrichten, selbst tagesschau.de ist weit umfangreicher als die TV-Mutter. Privatfernsehen schaute ich nur sporadisch, meist extrem angewidert, früher manchmal Harald Schmidt (bevor es so doof selbstbezüglich wurde), manchmal „Fast Forward“ (bevor es als Nischenprogramm abgesetzt wurde), manchmal, „Wer wird Millionär?“, ja, Besserwisserkram. Und zwischendurch die Trailer, die Teaser, überhaupt die Werbeblöcke, so entsetzlich. Nicht meins. (arte schaue ich, übrigens, ebenfalls kaum.) Ansonsten schaue ich Fernsehformate auf DVD, „Breaking Bad“, „Mad Men“, momentan wühle ich mich durch „Lost“.

Was mir gefiel, war die ARD-Serie „Mord mit Aussicht“ (hier beschrieb ich das ein wenig ausführlicher). Und dann noch der „Tatort“, um ehrlich zu sein, ist „Tatort“ mittlerweile der einzige Grund, weswegen ich überhaupt einen Fernseher habe (mal abgesehen von seiner Funktion als Abspielgerät für DVDs, eine Aufgabe, die ein Beamer weit schicker übernehmen würde). Mark versuchte vor einem Jahr, sich den „Tatort“ schön zu schauen, eine Folge Frankfurt („grauenhaft“), eine Folge Münster („klasse“), eine Folge Berlin („ging so“), es funktionierte nicht, er verstand nicht, was ich da dran finde. (Was okay ist, ich verstand auch nicht, was andere Leute an den „Simpsons“ finden. Manchmal stimmt einfach die Chemie nicht.)
Und was finde ich da dran? Ich finde: dass der „Tatort“, wenn er gut ist, etwas aussagt über die Vielfalt dieses Landes. Ich bin häufig genug umgezogen, um sagen zu können: Dieses Land ist ein Flickenteppich. Und als Freund des Multikulturellen gefällt mir dieser Flickenteppich, womöglich ist er sogar das einzige, was mir an Deutschland wirklich gefällt. Das Bewusstsein: Es gibt riesige Unterschiede zwischen Kiel und Konstanz, ach was, es gibt riesige Unterschiede schon zwischen Mannheim und Ludwigshafen, hibbedebach und dribbedebach. Und wenn der „Tatort“ wirklich gut ist, dann arbeitet er diese Unterschiede raus, nicht als Ausstellen von Klischees, sondern als kreative Reibung (das Motiv der Binnemigration bekommt dabei nur das scheidende Saarbrücker Team halbwegs klug hin, das Team, das ansonsten leider mit öden Drehbüchern geschlagen ist: ein Polizist aus Rosenheim (Maximilian Brückner), der sich aus Karrieregründen ins Saarland versetzen lässt und feststellt, dass dort einiges anders ist als zu Hause, so etwas passiert ja. Ganz anders als in Stuttgart bzw. im von mir verachteten Münster, wo jeweils ein Hamburger Polizist (Richy Müller bzw. Axel Prahl) hin zieht und einmal gar nichts aus seiner Herkunft macht (Müller) und ein andermal eine Karikatur in St. Pauli-Bettwäsche (Prahl) darstellt). Außerdem schafft ein guter „Tatort“ das, was jeder gute Krimi schaffen sollte: Er erzählt etwas über die Verwerfungen der Gesellschaft, etwas darüber, was einen Menschen zum Verbrecher werden lässt. Der „Tatort“ ist in erster Linie ein Sozialdrama, und weil insbesondere die immer wieder aus ihren Löchern hervorkriechenden Rechtsdreher das bemängeln, bin ich den sozialkritischen Krimis treu. Wunderbar stupide die Kommentare zur aktuellen „Tatort“-Kritik von Christian Buß auf SpOn. „Der Tatort hört sich interessant, mal etwas anderes als diese ganzen Weltverbesserer Tatorte“, stammelt „böeseHelene“. „Mit ‚Weltverbesserer-Tatorte‘ meinen Sie sicher die, in denen, auch wenn es mit der Handlung nichts zu tun hat, mindestens eine alleinerziehende, vegetarisch lebende lesbische Mutter mit Migrationshintergrund, die von ihrem faschistoiden Nachbarn und dessen Schäferhund drangsaliert wird, vorkommt“, sekundiert „loeweneule“. Und „avollmer“ stellt schließlich unmissverständlich klar, mit wem wir es hier zu tun haben: „Realismus heißt an der Realität orientiert, nicht einer Klischee-Wirklichkeit folgend, die eine soziologische Lehrbuch-Realität nach Proporz und Political Correctness konstruieren“, na sicher, die Nasen, die überall die Macht der Political Correctness fürchten, fehlt nur noch der Hinweis auf „Gutmenschen“, die „linksgrüne Medienverschwörung“ und die „Klimalüge“. Dumpfbacken, gerade wegen euch schaue ich „Tatort“.

Einschub 1: Natürlich ist es so, dass 90 Prozent aller „Tatorte“ entsetzlich sind, grauenhaft durchformiert, klischeebeladen, ohne Sinn für die Eigenarten ihres Spielorts, ohne Sinn für die Charakterista des Formats Fernsehkrimi. Aber um die wirklich guten zehn Prozent zu finden, dafür muss man durch die übrigen 90 Prozent durch, hilft ja nichts.
Einschub 2: Meine Top 3 der „Tatort“-Teams: 3. Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl in München (wenn die Drehbücher mal nicht allzu betulich sind) 2. Axel Milberg in Kiel 1. Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf in Frankfurt (leider Geschichte).

Seit ein paar Jahren hat sich im Kulturjournalismus die „Tatort“-Rezension als eigenes Genre durchgesetzt. Es gibt die wunderbar durchgeknallten Texte Matthias Dells im Freitag, es gibt die schön ausführlichen Feuilletons des Wahlberliners, es gibt die bajuwarische Coolness des Stadtneurotikers, es gibt die hitzigen und immer mehr eckkneipigen Diskussionen auf tatort-forum.de. Und in Zukunft gibt es auch in der Bandschublade Rezensionen zum „Tatort“, unter der neuen Rubrik „Kiste“. Wenn ich Lust habe. Und, weil man nicht päpstlich sein will, auch zur Schwesterreihe „Polizeiruf 110“, ja, ich weiß, das ist etwas ganz anderes, nur, was ist da eigentlich wirklich so ganz anders?
Und weswegen? Weil ich Spaß dran habe. (Und nicht etwa aus Erfolgssucht, wobei, wenn von den zehn Millionen Zuschauern einer Münsteraner Folge hinterher auch ein paar bei mir vorbei schauen wollen, um zu hören, wie schlecht ich es fand, will ich ihnen nicht den Stuhl vor die Tür stellen.)

Rechts, hässlich und fies

28. November 2011

Ich bin also ein schlechter Mensch. Missgünstig, nicht fähig zur Vergebung. Wie der notorische Jan Fleischhauer auf SpOn schreibt:

Zu den Höhepunkten im Vollzug moralischer Politik gehört die Bekundung von Schuld und Reue. Jemand hat einen Fehler begangen, er ist darauf hin tief gefallen, nun bittet er die Öffentlichkeit um Verzeihung. Manchmal fließen in diesen Augenblicken auch Tränen, sie gelten dann als sicherer Beweis, dass die Entschuldigung von Herzen kommt.
Unüberhörbar weisen diese öffentlichen Bitten um Vergebung in den religiösen Bereich zurück, das macht sie so mächtig. Mit der fortschreitenden Säkularisierung der Alltagswelt sind die moralische Energien, von denen der katholische Glaube und mehr noch der Protestantismus lebte, ja nicht einfach abgestorben, sie haben sich lediglich verschoben. An die Stelle des Pietisten ist der moderne Tugendmensch getreten, dessen Glaubenseifer in immer neuen Vorschriften Entlastung findet.

Ich bin ein Pietist. Ich kann nicht mal gut sein lassen, trotz Reue, trotz der Worte „Das bedauere und bereue ich von Herzen“, die derjenige, um den es hier gehen soll, Karl Theodor zu Guttenberg, im Interview mit Giovanni di Lorenzo in der Zeit spricht. Das ist doch eine Entschuldigung, das ist doch ein Schuldeingeständnis, wie hartherzig kann man denn sein, wenn man darauf antwortet: Ich nehme diese Entschuldigung nicht an? Wie pietistisch?

Es geht mir nicht um Schuld.

Mag sein, zu Guttenberg hat in seiner Doktorarbeit Zitate nicht korrekt ausgewiesen, bis an die Grenze des Plagiats (wir haben es hier mit Juristen zu tun, da muss man aufpassen, was man wie formuliert). Darüber habe ich mich schon einmal aufgeregt, vor allem als jemand, der sich selbst einst im Wissenschaftsbereich bewegte und daher weiß, wie schwierig es ist, eine Dissertation zu verfassen. Gegessen. Der Betrüger, der Emporkömmling, der Plagiator, der Doktor: Der ist mir egal, da trete ich nicht nach.
Was aber bleibt, ist die politische Ästhetik hinter Guttenberg. Was bleibt, ist das Bild, das Guttenberg auf dem Times Square zeigt, „Man stellt sich hin, lacht und breitet am besten noch die Arme aus. Was kostet die Welt? 50 Milliarden? Hundert? Egal, der kleine Baron ist endlich in der großen Stadt“, schrieb Kurt Kister damals in der Süddeutschen. Was bleibt, ist die erschreckende Penetranz, mit der die Springermedien alle Kritik an Guttenberg niederbügelten, was bleibt ist die Aggressivität, mit der insbesondere Bild kritische Journalisten mundtot machen wollte: „Nörgler, Neider, Niederschreiber: Einfach mal die Klappe halten!“, das ging sogar dem Stern, eigentlich alles andere als ein Gegner des Personality-Glamour-Getues Guttenbergs, zu weit. Was bleibt, ist die bösartige Niedertracht, mit der sich sein Gespons Stephanie zu Guttenberg medial aus dem Fenster lehnt.

Ich habe Angst vor einem politischen Comeback zu Guttenbergs. Nicht, weil er bei seiner Doktorarbeit gelogen hat. Nicht weil er politisch auf der anderen Seite steht: Man kann nicht einmal genau sagen, auf welcher Seite zu Guttenberg tatsächlich steht. Ist er ein Rechter? Eigentlich ist er doch eher eine mediale Mischung aus Berlusconi, Putin und Obama, der sich in seiner politischen Rhetorik mal rechts, mal links bedient.
Ich habe Angst. Nimmt man alle momentan verfügbaren Umfragen, nimmt man die Kommantarfunktionen im Netz, selbst bei den Springermedien, so schlägt zu Guttenberg aus der Bevölkerung massive Ablehnung entgegen. Aber anscheinend gibt es interessierte Kreise, in Berlin, in Washington, wo auch immer, die sagen: Das ist uns egal, wir drücken den jetzt durch. Und sei es nicht in der CSU, zu Guttenbergs eigentlicher poltischer Heimat, dann eben in einer anderen, noch zu gründenden Partei. Er selbst gibt im schon zitierten Zeit-Interview Anleitungen, wie sich eine Rechtspartei in der Bundesrepublik aufziehen ließe: „Zum einen müsste man eine Programmatik so deutlich entwerfen, dass gewisse Randgruppen, aber auch notorische Querulanten überhaupt nicht auf die Idee kommen, mit der neuen Gruppierung zu kokettieren. Ein klares Bekenntnis zu Israel beispielsweise würde den rechten Rand wohl abschrecken.“ (Eine großartige Volte! Wo das klare Bekenntnis zu Israel, beziehungsweise zu Israel nach Likud-Vorstellungen, doch mittlerweile ein Markenzeichen der deutschen Rechten ist!) „Zum anderen bräuchten Sie Köpfe, die für ein bestimmtes Denken stehen und über jeden Zweifel erhaben sind, mit tumbem Extremismus in Verbindung zu stehen.“ Ich darf mal spekulieren: Thilo Sarrazin für Innenpolitik, Hans-Olaf Henkel für Finanzen, Guido Westerwelle für Soziales. Und Guttenberg als programmatisch nach allen Seiten offener Strahlemann für die Außenwirkung. Schon hätten wir die neue Partei, rechts, hässlich und fies.

Ich habe Angst. In einer Welt, in der so jemand ungestraft als „distinguished statesman“ bezeichnet werden darf, wenn auch nur vom rechtskonservativen amerikanischen Center for Strategic and International Studies, in solch einer Welt möchte ich eigentlich nicht leben.