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Wie konnte das alles nur so den Bach runter gehen? (Teil 1)

23. August 2011

Als ich vor rund zehn Jahren nach Hamburg zog, war das nicht die dümmste Entscheidung. Hamburg hatte einiges auf der Habensseite, war die zweitgrößte Stadt der Republik, da war es auch klar, dass Hamburg auch in kultureller Hinsicht zumindest die zweite Geige im deutschsprachigen Raum spielen würde. Und dem war ja auch so, Tom Stromberg hatte als Intendant des Deutschen Schauspielhauses eine funktionierende Bühne übernommen und ließ dort junge, unkonventionelle Leute wie Stefan Pucher oder die freie Gruppe She She Pop spannendes Theater machen, am benachbarten Thalia war ein (bislang verhältnismäßig unbekannter) Schwabe namens Ulrich Khuon erfolgreich dabei, dem Haus seinen etwas konservativen Ruf auszutreiben, und an der Hamburgischen Staatsoper wandte Louwrens Langevoort gemeinsam mit seinem Hausregisseur Peter Konwitschny konsequent Regietheaterstrategien auf die Oper an (was mich zu diesem Zeitpunkt zwar nicht interessierte, aber wenn man schon mal da war, konnte man doch ein wenig Interesse entwickeln, nein?). Gut, bei der Bildenden Kunst sah es schon damals mehr oder weniger mau aus in Hamburg, aber wenn ich erstmal in der Stadt angekommen wäre, müsste es sich über kurz oder lang schon ergeben, dass ich eine spannende Galerie nach der anderen kennenlernen würde, dachte ich. Schließlich die Subkultur, Hamburg, die Stadt von Beatles, Hafenstraße und Blumfeld, Hamburg, die Pophauptstadt der Republik!
Und heute? Spielt Hamburg längst nicht mehr die zweite Geige, von einer Augenhöhe mit Berlin möchte man gar nicht mehr sprechen, aber es gibt auch keine Augenhöhe zu Köln mehr, nein, nicht einmal zum immer verachteten München. Hamburg ist Kulturprovinz, und mir tut das in der Seele weh. Aber wie konnte das passieren, wie konnte hier alles nur so den Bach runter gehen? Eine Spurensuche.

1. Klaus Wowereit
Ich bin kein Freund von Wowereit. Manche halten ihn für einen herausragenden Vertreter des linken SPD-Flügels, ich nicht. Nur weil jemand mit der Linken koaliert, heißt das nicht, dass er auch für linke Politik steht, im Gegenteil empfinde ich die Berliner Lokalpolitik seit Wowereits Machtübernahme als massive Politik der Entsolidarisierung, als Politik der Gentrifizierung und der Eventisierung. Linkes finde ich da nicht. Andere gestehen Wowereit zumindest einen Sinn für die Künste zu, meist auf Grund der Tatsache, dass der Bürgermeister eine Nähe zu Glamour und Entertainment pflegt und zudem tatsächlich hin und wieder auf Vernissagen zu sehen ist – und nicht zuletzt, weil er den Posten des Kultursenators abgeschafft, das Ressort beim Bürgermeisteramt angesiedelt hat und dabei auch tatsächlich ein ehrliches Interesse am Thema erkennen lässt. Peter Raue hat im heutigen Tagesspiegel recht klug ausgeführt, weswegen er diese Ansicht für ein fatales Missverständnis hält.
Nein, die Qualität Wowereits ist eine andere, die Qualität Wowereits liegt in zwei altbekannten Aussagen begründet. Zum einen ist da Wowereits Outing 2001: „Ich bin schwul, und das ist auch gut so!“ Damit brachte der Bürgermeisterkandidat eine gewisse Chuzpe, eine gewisse Nonchalance, vor allem aber eine ziemliche Risikobereitschaft in die Politik (2001 konnte solch ein Outing auch einen Karriereknick bedeuten). Von so jemandem wollten (zumindest die Coolen), naja, nicht gerne aber doch nicht extrem widerwillig regiert werden.
Zum anderen wichtig war Wowereits Charakterisierung Berlins 2004 als „arm, aber sexy“. Man stelle sich das mal vor: Plötzlich waren Reichtum, Fleiß, Pflichtbewusstsein gar nicht mehr erstrebenswert, plötzlich war Sexyness das, worauf es eigentlich ankam. Und Berlin hatte das – musste ja, wenn sogar der Bürgermeister das sagte. Kein Wunder, dass all diejenigen, die ebenfalls arm aber sexy waren (Künstler! Kreative! Cooles Prekariat!) dort hinziehen wollten. Ein Paradies für die kreative Klasse – und das waren ja wohl diejenigen, die laut Richard Florida die Zukunft darstellten. Gegen das Berlin Wowereits konnte Hamburg nur verlieren.

to be continued

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