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Wie konnte das alles nur so den Bach runter gehen? (Teil 2)

25. August 2011

Was bisher geschah: Seit 2001 entwickelt sich Berlin unaufhaltsam zur Kulturmetropole. Hamburg steigt währenddessen ab.

2. Ole von Beust
Man konnte nicht behaupten, dass Ole von Beusts CDU die Hamburger Bürgerschaftswahl 2001 gewonnen hätte. 26,2 Prozent, das waren viereinhalb Prozent weniger als noch vor vier Jahren, außerdem über zehn Prozent hinter der SPD, Sieger sehen anders aus. Dass von Beust dennoch Bürgermeister wurde, lag an der rechtspopulistischen Schill-Partei, die aus dem Stand knapp 20 Prozent erreichte und von Beust zusammen mit der Fünf-Prozent-FDP eine knappe Mehrheit sichern konnte. Das als Vorbemerkung, nur um zu verstehen, weswegen jemand wie Ole von Beust, der eigentlich nicht typisch für die CDU steht, plötzlich im SPD-Erbhof Hamburg an der Spitze stehen konnte.
Von Beust ist kein typischer Christdemokrat. Aber was ist ein untypischer Christdemokrat? „Wofür Beust inhaltlich stand, war schon immer etwas schwierig zu sagen – sicher war immer sein Einsatz für gesellschaftspolitische Liberalität und seine Abneigung gegen sturen Konservatismus“, beschrieb Anna Reimann 2010 im Spiegel den Bürgermeister. Wahrscheinlich ließ er sich am besten so beschreiben: Eigentlich dachte von Beust überhaupt nicht politisch. Er wollte an die Macht, Inhalte vertreten wollte er nicht. Von Beust stand für einen eher hedonistisch geprägten Teil des Bürgertums, junge Menschen aus Pöseldorf, Eppendorf, den Walddörfern, in Teilen sicher auch aus der Schwulenszene in St. Georg, die ihr Coming Out nicht mehr als politischen Kampf verstand, sondern als Lifestyle. All die landeten in der CDU, nicht weil sie so wahnsinnig bürgerlich gewesen wären, sondern weil sie qua Geburt wohlhabend waren und wussten, dass die CDU die Partei ist, die dafür sorgt, dass an diesen Einkommensverhältnissen sich nichts zu ihren Ungunsten ändert. Die 26 Prozent, die 2001 CDU wählten, die fanden solche Typen gut.
Und die knapp 20 Prozent, die Schill wählten, das waren dann eben die anderen. Die wirklich Bösen. Die Ausländerfeinde, die Wohlstandschauvinisten, die Vorortspießer. Deren Partei stellte die Regierung, 2001, in Gestalt von Ronald Schill (Innensenator), Mario Mettbach (Bausenator) und Peter Rehaag (Umwelt- und Gesundheitssenator). Gestalten, mit denen sich keine mögliche Kultursenatorin an einen Tisch setzen würde. Und wer da alles im Gespräch für den Posten war: Von der Kulturmanagerin Nike Wagner bis zur Schlagersängerin Vicky Leandros holte sich der Senat einen Korb nach dem anderen, am Ende wurde es die Bild-Journalistin Dana Horáková. „Das Akzeptierte, Durchgesetzte, Etablierte, gefahrlos Glamouröse ist ihre Welt“, schrieb Christof Siemes in der Zeit über die kulturell bestenfalls Naive. Von Beust dürfte das egal gewesen sein, der Bürgermeister erklärte freimütig, mit Kultur wenig anfangen zu können. Und seine Koalitionspartner von ganz rechts hatten ohnehin keinen Sinn für die Kulturszene, zumal Intendant Tom Stromberg vom Deutschen Schauspielhaus von Anfang an einen harten Oppositionskurs gegen den Mitte-Rechts-Senat fuhr. Weswegen Horáková einfach vor sich hin dilettieren durfte. „Dana Horáková (…) schaufelt immer mehr Sand in die – vorerst noch – rund laufende Maschine, die sie eigentlich ölen sollte“, schrieb Alfred Nemeczek 2003 in der Berliner Zeitung.

Das Trauerspiel schien zu Ende, als sich Ole von Beust und Ronald Schill 2003 überwarfen. 2004 gab es vorgezogene Neuwahlen, die CDU erreichte mit gut 47 Prozent überraschend eine absolute Mehrheit, und Horáková wurde ersetzt durch Karin von Welck. Die Ethnologin kam von der Kulturstiftung der Länder, war eine dezidierte Konservative und lag entsprechend oft mit den Verantwortlichen über Kreuz, hatte aber zumindest Ahnung von ihrer Materie. Und musste mit den Hinterlassenschaften ihrer Vorgängerin irgendwie einen Umgang finden. Ab 2005 war Friedrich Schirmer Intendant am Schauspielhaus, bekam das größte Sprechtheater der Republik aber nicht in den Griff. Die Kosten der entstehenden Elbphilharmonie entwickelten sich immer mehr zum Fass ohne Boden. Und Projekte wie das Internationale Maritime Museum beschädigten die Hamburger Kulturpolitik auf lange Zeit: „Sachliche Information besteht aus unkritischer Kolonialgeschichte und ausführlichen Erinnerungen der kaiserlichen Admiralität“ beschrieb Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung das Projekt, das zwar noch von Horáková angedacht wurde, allerdings 2008 von von Welck eröffnet werden musste.
Währenddessen entwikelte die CDU das Konzept der Wachsenden Stadt (pdf-Link): Hamburg sollte nach und nach zur Zwei-Millionen-Einwohner-Metropole anwachsen, allerdings praktisch ohne öffentlich geförderten Wohnungsbau. Was massive Gentrifizierung in Stadtteilen wie St. Pauli, dem Schanzenviertel oder Ottensen zur Folge hatte – die Quartiere, die bislang subversive, künstlerische Bevölkerungsschichten beheimateten, konnten sich plötzlich nur noch Gutverdiener leisten. Was die Schickies um von Beust nicht interessierte und die Rechten, die von der Schill-Partei zurück zur CDU gewandert waren, freute. Ziel war, aus Hamburg so etwas wie München zu machen, allerdings ohne das gute Wetter, ohne die Nonchalance, ohne das Leben-und-Leben-lassen, das München ausmachte.

In einem Punkt sind sich von Beust und Klaus Wowereit ähnlich: Beide gelten als Linke innerhalb ihrer Partei, und bei beiden fragt man sich, wo ihre Politik eigentlich wirklich links ist. Am Ende seiner Amtszeit zumindest machte von Beust tatsächlich einen Linksschwenk: Nachdem die CDU bei der Bürgerschaftswahl 2008 mit 42,6 Prozent die absolute Mehrheit verloren hatte, ging die Partei eine Koalition mit den Grünen ein. Schwarz-grün möglich gemacht zu haben, das sollte von Beusts Karriere krönen. Und von Beust engagierte sich. Vor allem unterstützte er massiv die grünen Pläne einer Schulreform, nach der neben dem Gymnasium auch andere Wege zum Abitur führen sollten – ein Affront gegen den gymnasialfetischistische CDU. Worauf von bürgerlicher Seite massiv gegen die Reform (und damit auch gegen von Beust) getrommelt wurde.

Für eine lebendige Kulturszene trommelten die Bürger deutlich leiser.

To be continued.

5 Kommentare leave one →
  1. 29. August 2011 12:06

    Ja, Frau Horáková. Jene, die gerüchteweise den Eingang zur Staatsoper nicht fand und hilflos vor der Glasfront vor den Türen herumirrte. Der Inbegriff des Hamburger Kulturbegriffs: gut abgehangen, durchfeuilletonisiert, ohne Ecken – Musical statt Kampnagel, Kalenderblatt-Janssen und Liebermann statt Meese und Richter. Berlin war da lange nicht nur geschickter im Verwenden von Fördergeldern und leerstehenden Räumen. Der Vorteil der Hauptstadt ist auch nicht die vielgerühmte Toleranz, sondern eher eine gewisse Wurschtigkeit. „Einfach mal machen“ aber mag ein Hamburger Kaufmann nicht, das muß erst durch die Bücher. Sichtbarer Höhepunkt war dann wirklich das künstlerische Bekenntnis zum Pauken-und-Trompeten-Orchester der Polizei, während ringsum die lebendige junge Szene und die Musikcluibs um ihr Überleben ringen mußten. Danke für die Zusammenfassung dieses Niedergangs, dem aber eine Klammer fehlt zu Voscherau und dem der CDU vorangegangenen SPD-Senat. Schon damals, Stichwort Umbau derr HfBK und die Reaktion des damaligen SPD-Wirtschaftssenators auf den Weggang von MTV und Co. nach Berlin („Wieso? Wir haben doch das Studio Hamburg.“), wurde klar, wie sehr hier generell oft Weitblick und Visionen für die Kulturszene und eben Kreativwirtschaft fehlen.

    • 29. August 2011 13:33

      Stimmt, ich bin unfair, wenn ich den Niedergang ausschließlich der CDU anlaste und dabei die vorangegangenen 50 Jahre SPD unterschlage. Dass ich das mache, hat einen bestimmten Grund: Ich war nicht dabei. Ich bin erst 2001 nach Hamburg gezogen, davor wohnte ich unter anderem in Berlin, im muffigen Diepgen-Berlin, von wo aus neidisch nach Hamburg geschaut wurde, in die weltläufige Hafenstadt, wo die Kultur tobte, während wir in der Dreieinhalb-Millionen-Einwohner-Provinz versauerten.

      In einem möchte ich aber widersprechen: Ich glaube nicht, dass ausgerechnet der Weggang MTVs Hamburg allzu heftig getroffen haben dürfte. Berlin hatte ja auch nicht wahnsinnig viel von diesem Neuzugang.

  2. 29. August 2011 20:39

    Rückblickend mag es fast komisch erscheinen, MTV überhaupt zu erwähnen. Und so gesehen behielt der Senat sogar recht. Und nach dem Ende der New Economy und dem Boom der Medien hat sich das eh relativiert. Aber damals(tm) war es ein Signal für den starken Sog Berlins für die als zukunftsweisend geltende Medien- und Kreativwirtschaft. Der SPD-Senat argumentiert, MTV habe ja nur knapp 100 Arbeitsplätze in der Hansestadt gehabt, vergaß dabei aber all die freiberuflichen Dienstleister, Designer, Kameraleute, Texter etc., die von solchen Firmen abhängig waren. Dann blieb es ja nicht nur bei MTV: SAT.1 verließ die Stadt gen Berlin, Premiere gen München, es folgten die ganze Musikfirmen wie Warner, Universal, Polydor, die einst alle ihre Zentralen in Hamburg hatten. Wiederum einen Sog erzeugend für all die freien Fotografen, Musiker und andere Kreativen. Natürlich hatte Hamburg den neu gewonnenen Möglichkeiten Berlins mit all den Brachflächen und EU-Fördergeldern wenig entgegenzusetzen, aber diese Bräsigkeit und Selbstgefälligkeit, mit der man quasi achselzuckend alles hinnahm, war verblüffend (bis aggressonssteigernd). Ich lebte damals selbst erst ein paar Jahre hier und habe diese zur Schau getragene Passivität und Mißachtung überhaupt nicht verstehen können. Wenn man ältere Hanseaten fragt, auch zum Thema Musikkultur, hört man viel Hohngelächter. Zum Beispiel, daß der Star Club abgerissen wurde, anstatt mit diesem Pfund zu wuchern. Es ist jetzt aber folgerichtig und ein guter Schachzug, daß die neue Kultursenatorin aus Berlin kommt. Man hat wieder Hoffnung jetzt.

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